SENDETERMIN Sa., 22.02.20 | 23:35 Uhr | Das Erste

Hanau

gesprochen von Gereon Alter (kath.)

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Gereon Alter: "Hanau" | Bild: WDR

Hanau. Ich hab am Donnerstag vor dem Fernseher gesessen und geweint. Mir sind Tränen in die Augen gestiegen, als ich die gesehen und gehört habe, die das blutige Gemetzel aus nächster Nähe miterlebt haben. Nicht nur, weil mir ihr Schmerz, ihre Trauer und ihre Ohnmacht nahe gegangen sind, sondern auch, weil sie eine so menschliche Größe gezeigt haben. Keiner von ihnen hat ein Wort des Hasses in den Mund genommen. Niemand hat von Rache gesprochen. Stattdessen haben sie das gute Miteinander in ihrem Stadtteil beschrieben und von der Normalität einer Gesellschaft gesprochen, die von Einwanderung, Verschiedenheit und Buntheit geprägt ist – in einem Moment, in dem einer sie gerade deshalb auf brutalste Weise verletzt hat. Diese Größe hat mich tief berührt.

Und dann ist Zorn in mir aufgestiegen. Zorn über diejenigen, die immer noch nicht wahrhaben wollen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem blutigen Gemetzel in Hanau, dem Anschlag auf die Synagoge in Halle, der Ermordung von Walter Lübcke und den Gräueltaten des NSU. Zorn über diejenigen, die nur von einem "Verbrechen" sprechen. Als sei irgendetwas Kriminelles geschehen. Anstatt auszusprechen, was doch ganz klar auf der Hand liegt: dass auch die Tat eines offenkundig gestörten Einzeltäters auf einem gesamtgesellschaftlichen Nährboden wächst. So krude und krankhaft das auch erscheint, was der Mörder von Hanau sich da zu seinem Weltbild zusammengezimmert hat: es besteht aus demselben wirren und kranken Gedankenmaterial, das uns auch im Internet, in rassistischen Malbüchern und dem übel hetzenden Wortwechsel auf der Straße begegnet. Es geht nicht nur um einen Einzeltäter. Es geht um unsere gesamte Gesellschaft. Es geht um das Klima, das unter uns herrscht. Um die Art und Weise, wie wir denken und miteinander reden. Und um das, was uns wichtig ist und wofür wir uns gemeinsam stark machen wollen.

Was können wir tun? Wir können ganz sicher nicht verhindern, dass es wieder zu einer solch grausamen Tat kommt. Das zu meinen, wäre naiv. Aber wir können eine ganze Menge tun, um die Wahrscheinlichkeit einer solchen Tat zu verringern und ihr den Nährboden entziehen. Was die Verringerung der Wahrscheinlichkeit betrifft, da bin ich kein Experte. Da sind jetzt der Gesetzgeber, die Justiz und die Fachleute für Präventionsmaßnahmen gefordert. Aber auf den Nährboden kann ich Einfluss nehmen. Auf das Klima, das in unserer Gesellschaft herrscht. Auf die Art und Weise, wie wir denken und miteinander reden.

Wenn ich im Internet auf einen Kommentar stoße, bei dem ich das Gefühl habe: "Hey, das ist so nicht in Ordnung! Das diskriminiert einen anderen!" – dann kann ich weiterscrollen oder Stellung beziehen. Wenn ich an der Supermarktkasse oder in der Kneipe Worte wie "Kopftuchmädchen" oder "Messermänner" höre – dann kann ich schweigen oder etwas dazu sagen. Wenn ich im Fußballstadion bin und ein dunkelhäutiger Spieler mit Affenlauten beleidigt wird – dann kann ich das ignorieren oder mich vernehmbar darüber empören, gemeinsam mit anderen. Ich kann eine ganze Menge tun, um Gräueltaten wie der von Hanau den Nährboden zu entziehen, indem ich nur ein wenig Mut aufbringe.

Und ich kann mich für einen Gegenentwurf stark machen. Für den Entwurf einer Gesellschaft, die nicht von kruden Verschwörungstheorien, Fake News und Diskriminierungen bestimmt wird, sondern von Nüchternheit, Wertschätzung und Menschlichkeit. Für mich als Christ ist dabei von Bedeutung, dass ich an einen Gott glaube, der alle Menschen in gleicher Weise liebt und vor allem den Schwachen zur Seite steht. Denen, die in Hanau ermodert wurden. Denen, die noch lange unter den grausamen Eindrücken leiden werden. Denen, die inzwischen Angst haben, in Deutschland zu leben, weil sie einer Minderheit angehören. Und auch denen, die – obwohl sie sich im Moment vielleicht schwach und ohnmächtig fühlen – aufstehen, ihre Stimme erheben und Haltung zeigen.

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