SENDETERMIN Sa., 02.05.20 | 23:35 Uhr | Das Erste

Neustart oder Reset?

PlayGereon Alter
Gereon Alter: Neustart oder Reset? | Bild: Marcus Simaitis

Wenn jetzt so nach und nach wieder einiges möglich ist – Shoppen, Gottesdienst feiern, irgendwann dann auch das Reisen: ist das ein Neustart oder ein Reset? Beginnt dann was Neues oder kehren wir einfach zurück zu dem, was vor der Corona-Krise war? Ich habe in den vergangenen Tagen Freunde und Bekannte gefragt: Wollt ihr möglichst schnell wieder zurück zum Bisherigen oder soll sich nach der Krise was ändern?

Ein einziger hat mir geantwortet, er wünsche sich den Zustand vor der Corona-Krise zurück. Das war der Leiter eines Altenheims, der mit seinen Kräften völlig am Ende ist und die letzten Wochen wie einen einzigen Alptraum erlebt hat. "Es soll einfach alles wieder so werden wie es war." hat er gesagt. Es gibt Menschen, die in diesen Tagen überhaupt nicht an Neuanfänge und Reformen denken können, weil sie all ihre Kraft darauf richten müssen, mit dem Hier und Jetzt zurecht zu kommen.

Aber es gibt eben auch viele, die die Krise nicht so heftig gepackt hat und die sich schon fragen, ob sie nicht in Zukunft etwas anders machen sollten. Ein großes Thema dabei ist die Familie. "Ja, dieses ständige Aufeinanderhocken hat schon eine Menge Kraft gekostet und wir haben uns auch ordentlich gefetzt.", hat mir ein junger Vater gesagt. "Aber es gab auch etwas, das wir in Zukunft nicht mehr missen möchten. Wir haben einander besser kennengelernt. Wir haben anders miteinander gesprochen als bisher. Unser Rollen haben sich verändert. Das möchten wir uns gerne bewahren."

Überhaupt scheint der Wunsch nach einem anderen Miteinander ganz groß geworden zu sein. Da gab es so viel Aufmerksamkeit in den vergangenen Wochen, soviel Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft. Das dürfen wir doch nicht einfach wieder aufgeben! Die Entschleunigung hat gutgetan. Die Begrenzung: ich musste mich nicht mehr zwischen Tausenden von Möglichkeiten entscheiden, sondern nur noch zwischen einigen.

Nicht wenige haben ihren Blick auch über sich und ihr persönliches Umfeld hinaus gerichtet. Macht es wirklich Sinn, wenn wir weiter so reisen, wie wir es bisher getan haben: mal eben für zwei Tage nach Barcelona? Oder braucht es nicht ganz andere Formen des Urlaubs und der Erholung? Was ist mit dem Klimaschutz: wird der weiter hinten rüber fallen? Was mit der Einheit Europas, den Flüchtlingen, den Ärmsten der Armen …? Einfach wieder zurück zum Bisherigen? Oder gelingen uns Neuanfänge?

Wenn ich in die Bibel schaue, dann finde ich darin viele solcher Krisen-Geschichten. Geschichten, in denen es einfach nicht mehr so weitergeht wie bisher und Menschen sich fragen, was denn nun zu tun ist und welch tieferer Sinn vielleicht in der Krise steckt. Nicht in dem Sinne, dass Gott sie bestraft oder auf die Probe stellt (auch wenn das oft so gedeutet wird), sondern eher so, dass sie wieder sensibler für ihr Leben und

für das Leben anderer werden und auf diesem Wege auch Gott ganz neu entdecken – als einen, der Mut macht zu einem Neubeginn.

Im Buch Jesaja gibt es ein schönes Beispiel dafür. Das sagt Gott zu Menschen, die eine ziemlich schwere Krise hinter sich haben: "Denkt nicht mehr an das, was früher war. Auf das, was vergangen ist, achtet nicht mehr! Siehe, nun mache ich etwas Neues. Schon sprießt es, merkt ihr es nicht?" (Jes 43, 19).

Diesen Blick nach vorn wünsche ich mir. Diese Aufmerksamkeit für das Neue, das möglich ist und zum Teil schon wächst. Vieles kann sich erneuern, kann anders werden. Und manches ist bereits neu geworden.