SENDETERMIN Sa., 23.05.20 | 23:35 Uhr | Das Erste

Verschwörungstheorien

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Gereon Alter: Verschwörungstheorien | Bild: WDR

Wenn ich jetzt von Verschwörungstheorien spreche, dann habe ich nicht Menschen vor Augen, die vor der verschlossenen Tür eines Altenheims stehen und meinen, böswillig ausgeschlossen zu werden. Oder Menschen, die mit unserem Gesundheitssystem hadern und deshalb fürchten, es käme eine Zwangsimpfung auf sie zu. Ich spreche von denen, die sich Aluminiumhüte basteln, um sich vor feindlicher Bestrahlung zu schützen. Die allen Ernstes behaupten, Bill Gates wolle uns allen einen Mikrochip implantieren. Die von einer "Jüdin Merkel" schwadronieren und von Höhlen, in denen geheimnisvolle Ritualmorde an Kindern geschehen mit dem Ziel, ein lebensverlängerndes Serum für die Superreichen zu gewinnen.

Wären das nur ein paar "völlig Durchgeknallte", würde ich mir keine größeren Sorgen machen. Denn die hat es immer schon gegeben und die verkraftet eine Gesellschaft ohne weiteres. Was mir Sorgen bereitet, sind die, die sich dieses "Durchgeknallte" gerade auf eine ziemlich schäbige Weise zunutze machen: Rechtsradikale, Antisemiten, gewaltbereite Populisten … Und: dass das auf unsere gesamte Gesellschaft abfärben könnte.

Denn das, was sich auf den sogenannten "Hygienedemos" und "Spaziergängen" wie unter einem Brennglas beobachten lässt, erlebe ich in abgeschwächter Form auch in meinem Alltag. Da schnappt jemand irgendein Gerücht oder eine Teilinformation auf und bastelt sich daraus eine von Vorwürfen und Unterstellungen durchsetzte Verschwörungstheorie. Selbst in meiner Kirche beobachte ich das. Und ich befürchte, das könnte weiter zunehmen. Und das wäre ein ziemlich großes Problem. Denn es verändert unser Wahrheitsempfinden und unseren Gerechtigkeitssinn.

Wie kann ich unterscheiden zwischen einer berechtigten Kritik und einer abstrusen Idee? Zwischen dem Aufdecken eines tatsächlichen Missstands und einer Verschwörungstheorie?

Journalisten lernen bereits in ihrem ersten Ausbildungsjahr, dass eine Nachricht immer erst dann rausgehen darf, wenn zuvor zwei voneinander unabhängige Quellen befragt worden sind. Überhaupt scheint mir das Fragen ein hilfreiches Mittel zu sein. Etwa 80 bis 90 Prozent der Vorwürfe und Unterstellungen, mit denen ich es in meinem Arbeitsalltag zu tun bekomme, wären erst gar nicht formuliert worden, wenn zunächst einmal gefragt worden wäre: "Stimmt das, was ich da gehört habe? Gibt es dazu nähere Informationen?"

Mit dem Fragen eng verwandt ist das Denken. Der gesunde Menschenverstand. Das Nachdenken über Dinge, die ich gelesen oder gehört habe. Auch das scheint mir ein hilfreiches Mittel zu sein. Vor allem für Menschen, die mehr auf ihren Bauch hören als auf ihren Verstand, die allzu schnell glauben und kaum hinterfragen. Der christliche Glaube kennt da einen wichtigen Grundsatz: fides quaerens intellectum. Zu Deutsch: Glaube sucht das Verstehen. Glaube ist demnach nicht ein diffuses Gefühl, irgend so ein Drücken in der Magengegend, sondern eine Lebenshaltung, zu der das Nachdenken zwingend dazugehört.

Und noch ein drittes Mittel, das ebenfalls der christlichen Tradition entstammt. Für Christen hat sich die Frage, ob etwas wahr ist oder nicht, immer auch an der Frage entschieden, ob es Menschen hilft und nützt, vor allem den Schwachen und Benachteiligten. Eine Verschwörungstheorie dagegen klagt an: die Juden, die Linken, die Reichen, die Schwulen … und macht sie für das Problem verantwortlich. Wahr und gerecht ist das sicher nicht.

Fragen, nachdenken und sich für Schwache stark machen. Diese drei Mittel scheinen mir ein recht ordentlicher Schutz gegen Verschwörungstheorien zu sein. Gegen das ganz große Hirngespinst wie auch gegen die etwas zu schräge Ansicht im Alltag.