SENDETERMIN Sa, 15.09.18 | 23:35 Uhr | Das Erste

Der Alptraum ist noch nicht vorbei

gesprochen von Lissy Eichert (kath.)

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Lissy Eichert: Der Alptraum ist noch nicht vorbei | Video verfügbar bis 14.09.2023 | Bild: RBB

Es ist eine Zahl, die schockiert: Fast 4000 Kinder und Jugendliche wurden seit 1946 von katholischen Priestern in Deutschland sexuell missbraucht. Jedes zweite Opfer war unter 13 Jahre alt. Diese Ergebnisse einer Studie zum Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und Ordensmänner im Auftrag der deutschen Bischöfe wurden vorab bekannt. Wobei die Dunkelziffer der Opfer noch höher liegt. Auch seien Akten manipuliert oder vernichtet worden, wird vermutet. Den Verantwortungsträgern der Kirche wird vorgeworfen, eine gründliche Aufarbeitung erschwert, ja, zur Vertuschung der Verbrechen beigetragen zu haben. Um Himmels willen, nein, das darf nicht mehr passieren. Das Thema Missbrauch darf nicht unter den Teppich gekehrt werden. Wir müssen das jetzt aushalten. Denn Transparenz ist Opferschutz. Als 2010 der Leiter des Berliner Canisius-Kollegs, der Jesuit Klaus Mertes, den sexuellen Missbrauch an seinem Gymnasium öffentlich gemacht hatte, beschimpften ihn viele als "Nestbeschmutzer". Ich nicht. Ich war erleichtert, dass er ein Tabu gebrochen und das Unfassbare ausgesprochen hat. Umso dramatischer, dass der Missbrauch womöglich weiter andauern soll. Jetzt. In Deutschland. Deshalb ist es so wichtig, dass wir die Augen nicht verschließen oder aus Scham in den Boden versinken. Der Alptraum ist vielleicht noch nicht vorbei.

Sexueller Missbrauch ist ein gesellschaftliches Problem. Stimmt. Besonders bitter stößt mir aber auf, dass meine katholische Kirche einer konsequenten Aufarbeitung manchen Stein in den Weg gelegt hat. So ist verlorenes Vertrauen nicht zurück zu gewinnen. Für die Kirche mit ihrem hohen moralischen Anspruch und der praktisch gelebten Doppelmoral ist es eine doppelte Katastrophe. Umkehr und Erneuerung, ja Buße, sind geboten. Das wird nicht ohne Konflikte gehen. Papst Franziskus ist das beste Beispiel dafür: Auf wie viele Widerstände trifft der Mann, weil er den Klerikalismus, das überzogene Machtgehabe geweihter Männer, öffentlich anprangert. Auch Jesus von Nazaret hatte die meisten Auseinandersetzungen mit dem religiösen Establishment seiner Zeit. Auch damals ging es um die Frage: Wer hat die Macht? Für die religiöse Obrigkeit war Jesus eine Bedrohung. Seine Lehre kam gut an beim Volk. Bestimmt auch deshalb, weil er selbst frei war von Eitelkeiten und Machtgier. In der Heiligen Schrift heißt es: "Jesus rief seine Jünger zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein." (Mt 20, 25f)

"Bei euch", also bei uns, soll es anders zugehen. Darum sollte Papst Franziskus zum Kinderschutzgipfel im Februar nicht nur Bischöfe einladen: Betroffene müssen mit an den Tisch. Beim allerersten Konzil, damals in Jerusalem, waren auch alle dabei – die Apostel, Frauen und Männer, die ganze Gemeinde. Gemeinsam haben sie beraten und dann Beschlüsse gefasst. (vgl. Apg 15,22). Warum sollte das heute nicht möglich sein? Es ist höchste Zeit, etwa Fragen der Zulassungsbedingungen für das Priestertum gemeinsam mit dem Volk Gottes zu besprechen und zu entscheiden. Mitsprache auch in Fragen der Sexualmoral und des Zölibats. Im Bericht über das erste Apostelkonzil heißt es: "Der Heilige Geist und wir haben beschlossen" (Apg 15,28). Den Geist Gottes zu Wort kommen lassen. Ich wünsche mir, dass in meiner Kirche, in ihren Gremien und an der Basis in den Gemeinden, der Heilige Geist auch heute noch Stimmrecht hat…

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