SENDETERMIN Sa, 22.09.18 | 23:35 Uhr | Das Erste

Demut

gesprochen von Annette Behnken (ev.)

PlayPastorin Annette Behnken
Pastorin Annette Behnken: Demut | Bild: NDR

Hochschlafen war gestern. Heute wird man hochentlassen. Oder: Noch zwei Fehltritte und Maaßen ist Bundeskanzler. Es ist ein Wertekonflikt – entweder die Koaliton zerbricht oder Maaßen wird nach oben weggelobt. Und trotzdem ärgere ich mich maßlos, wie viele andere auch. Weil ich es als Verrat empfinde. An grundlegenden Werten, ohne die unsere Gesellschaft und Demokratie nicht gut sein können. Glaubwürdigkeit. Verantwortungsbewusstsein. Vertrauenswürdigkeit. Hier ist sich jemand selbst der Nächste.

In der letzten Woche war ich in einem Kloster und bin immer noch schwer beeindruckt von den Frauen, die dort leben. Toughe Nonnen. Vorbilder für mich in ganz vielen Dingen. Vor allem in einer Sache, die nicht nur im Fall Maaßen offensichtlich aus der Mode gekommen ist: Demut. Was ich da im Kloster erlebt habe, ist eine Demut, die nichts mit Unterwürfigkeit oder Duckmäusertum zu tun hat. Sondern mit Mut. Dem Mut, sich in den Dienst einer größeren Sache zu stellen. Einer Gemeinschaft, eines Ideals, eines Lebens- oder Glaubensweges.

Über die Beförderung des ehemaligen Chefs des Verfassungsschutzes sind zu Recht unglaublich viele Menschen unglaublich wütend. Aber: Wer von uns könnte mit Sicherheit sagen, ob er oder sie so ein Angebot nicht angenommen hätte? Mist im Job gemacht und dann wird einem statt der Kündigung eine Beförderung angeboten. Das anzunehmen wäre menschlich – aber gegen jedes Gerechtigkeitsgefühl.

Auch in diesem Fall ist es enttäuschend. Weil der Mut fehlt, sich in den Dienst der größeren Sache zu stellen. Und den erwarte ich von Verantwortlichen und Politikern. "Wer unter euch am größten ist, soll euer Diener sein" heisst es in der Bibel. Offenbar war das schon immer schwierig. Aber im Fall Maaßen wäre es ein gutes Signal: Warum verzichtet er nicht wenigstens auf seine höhere Besoldung. Oder spendet sie? An eine Chemnitzer Initiative gegen Rechtsextremismus zum Beispiel. Das wäre ein kleines Signal, dass er Größeres im Blick hat, als sich selbst.

Natürlich ist es naiv, sich hier hinzustellen und zu sagen "die da oben" sollten jetzt mal demütiger sein. Aber genau das denke ich. Und wenigstens möchte ich eine Lanze brechen für diese Urtugend: Demut. Und dafür, ihr Platz im eigenen Leben einzuräumen. Wie großartig wäre es, wenn aus diesem altmodischen Wort eine angesagte Lebenshaltung würde. Wenn die heilsame und revolutionäre Kraft der Demut wirksam werden könnte, die oben und unten und Macht und Ohnmacht nicht kennt, weil sie das Gemeinsame im Blick hat. "Wer unter euch am größten ist, soll euer Diener sein".

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