SENDETERMIN Sa, 06.04.19 | 23:50 Uhr | Das Erste

Auge um Auge

gesprochen von Annette Behnken (ev.)

PlayPastorin Annette Behnken
Pastorin Annette Behnken: Leben retten | Bild: NDR

Ich denke in diesen Tagen oft an zwei Menschen, so mein Alter, aus meinem Freundeskreis. Die leben ein zweites Leben, weil ihnen ein Organ gespendet wurde. Was für ein Geschenk! Vielleicht auch; was für eine Aufgabe. Auch deshalb, weil wir wissen, dass viel mehr Menschen auf ein Organ warten, als es Spender gibt. Ich denke auch an die Menschen, deren Sterben ich miterlebt habe. Ein Mensch, den ich sehr geliebt habe. Und die, die ich als Pastorin im Sterben begleitet habe. Ich erinnere mich an die Atmosphäre im Raum. Ganz still und dicht. Das Beten. Schweigen. Geflüsterte Worte. Und den Tod.

An der Grenze zwischen Leben und Sterben ist es oft unglaublich schwer, zu entscheiden, was richtig und was falsch ist. Das erleben viele, die einen Menschen im Sterben begleiten. Ist das, was medizinisch möglich ist, jetzt auch sinnvoll? Das ist manchmal kaum zu entscheiden in diesem Bereich zwischen Leben, Sterben und Tod. In diesem Bereich befinden wir uns, wenn wir in diesen Tagen nach einem neuen, guten Gesetz für Organspenden suchen. In diesem Bereich müssen wir uns fragen: Was ist uns heilig? Was ist uns heilig im Leben und im Sterben?

Leben retten! Das ist uns heilig. Darüber müssen wir nicht diskutieren: Organspender sind Lebensretter. Als Christin und Mensch finde ich: es ist ein Akt der Nächstenliebe, seine Organe zu spenden. Aber: Nächstenliebe kann man nicht verordnen. Wenn der Staat sagt, ihr seid alle automatisch Organspender, das ist sozusagen Normalzustand; und wer das nicht will, der hat einen Sonderstatus, den er erstmal in ein Register eintragen lassen muss – dann wird damit ein Druck ausgeübt, den ich nicht hilfreich finde.

Natürlich haben wir den Auftrag, Leben zu retten! Da sagt der Gesetzesentwurf nichts Neues! Und wir wissen, dass es viel mehr Menschen gibt, die auf ein Spenderorgan warten, als Spender. Meine Sorge ist aber, dass wir nicht genug Augenmerk darauf legen, dass eine Organentnahme viel mehr ist, als ein technischer Vorgang. Viel mehr auch als anspruchsvolles medizinisches know how und Handwerk. Es ist ein Eingriff in den Sterbeprozess eines Menschen. Selbst unter Fachleuten ist es umstritten, ab wann ein Mensch wirklich hirntot ist. Und einen hirntoten Menschen als tot zu bezeichnen, fällt mir schwer. Er atmet, das Herz schlägt, er ist warm - nur durch medizinische Technik, ja, aber dennoch: es ist kein toter Mensch, sondern ein sterbender.

Auge um Auge, Lunge um Lunge, Herz um Herz – ich habe Sorge, dass die Ehrfurcht vor dem Sterbenden und dem Sterben verloren geht. Und unter Umständen einer Logik der Ökonomie und der Machbarkeit geopfert wird. Ehrfurcht vor dem Leben, vor jedem einzelnen. Das ist mir heilig. Und Ehrfurcht vor dem Sterben, vor jedem einzelnen. Das Sterben als Teil dieses kostbaren und einzigartigen Lebens, das jetzt zu Ende geht. Als würde die unglaubliche und unendlich kostbare Tatsache, dass dieser Mensch gelebt hat, sich im Moment des Sterbens verdichten. Das ist mir heilig.

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Sa, 06.04.19 | 23:50 Uhr
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