SENDETERMIN Sa, 06.07.19 | 23:50 Uhr | Das Erste

Die Letzten werden …

gesprochen von Annette Behnken (ev.)

PlayPastorin Annette Behnken
Annette Behnken: Die Letzten werden … | Bild: NDR

Er trägt sein Hemd ganz weit offen. Man kann die silberne Kette im grauen Brusthaar sehen. 79 Jahre ist er alt. 36 Marathons in seinem Leben gelaufen. Inzwischen ist sein Rücken krumm geworden. Und er will es noch einmal wissen. Seine Beine zittern und er wirkt zerbrechlich. Aber: dieses eine mal noch. Sein 37. Marathon. Sein letzter. Und für ihn der Wichtigste.

Ganz vorne die Profis. Knacken Bestzeiten und Rekorde. Und stehen am nächsten Tag in den Schlagzeilen. Dafür geben sie 42 Kilometer lang alles.

Die ganz hinten geben auch alles. Und mehr als alles. Reporter warten trotzdem nicht auf sie. Nur einer. Der hat es jetzt doch getan. Auf sie gewartet und ihnen zugehört. Und in einer großen deutschen Wochenzeitung von ihnen erzählt. Von denen, die ganz am Ende laufen. Von den letzten. Die Letzten. Werden die ersten sein. Behauptet die Bibel.

Er läuft so schnell er kann. Bei jedem Schritt baumelt die silberne Kette auf seiner Brust. Bei jedem Schritt pocht der Satz, den seine Frau auf dem Sterbebett zu ihm gesagt hat in seinen Ohren: "Wann holst Du mich endlich heim?". Das hat er nicht mehr geschafft. Aber nach ihrem Tod hat er ihr und sich versprochen, dass er noch einen Marathon läuft. Sich noch einmal diese Qual antut – weil er noch diese Rechnung offen hat mit dem Leben.

Die ganz hinten laufen, kämpfen nicht um Rekorde. Sie kämpfen gegen den Besenwagen. Das ist das Auto, das ganz hinten fährt und die Allerlangsamsten von der Strecke fegt. Wer zu langsam ist, muss aufhören.

Und er rennt. So schnell er kann. Und trotzdem erreicht ihn irgendwann der Besenwagen. Er soll aufgeben. Zu langsam. Aber er läuft weiter. Sein Ziel ist diese eine Stelle, ungefähr bei Kilometer 13. Da hat sie immer gestanden und ihn angefeuert und ihm eine Flasche Wasser gegeben. Immer. Jedes Jahr. Das liebste Wesen der Welt, sagt er. Im letzten Jahr ist sie krank geworden. Und das holt ihn immer wieder ein. Diese Entscheidung, als er es einfach nicht mehr geschafft hat, sie zu Hause zu pflegen. Da hat er seine Frau in eine Pflegeeinrichtung gegeben.

Ganz hinten, da laufen die großen Geschichten von Leben und Tod. Da laufen die Letzten. Und werden die ersten sein.

Er soll jetzt aufgeben. Aber er läuft weiter. Gibt alles und mehr als alles. Jeden Tag ist er bei ihr im Heim, bis spät abends. Nur nachts nicht. Da muss er schlafen und Kraft schöpfen. Eines morgens sagt sie zu ihm diesen Satz: „Wann holst du mich endlich heim?“ In der Nacht darauf stirbt sie.

Er quält sich Meter um Meter vorwärts. Läuft, um ihr noch einmal nahe zu sein.

Aus dem Besenwagen fordert man ihn auf, den Lauf abzubrechen. Noch hundert Meter. Dann bleibt er stehen. Hier war es. Hier stand sie mit dem Wasser. Er blickt sich um, atmet tief und steigt lächelnd in den Besenwagen. Die Letzten. Werden die ersten sein.

Dieser Text ist angelehnt an den Text "Bis zum Letzten" von Marius Buhl. Er ist am 8. Juni 2018 im SZ-Magazin, Heft 23/2018, erschienen.

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