SENDETERMIN Sa, 17.08.19 | 23:40 Uhr | Das Erste

Drei Tage der Musik

gesprochen von Annette Behnken (ev.)

PlayPastorin Annette Behnken
Pastorin Annette Behnken: Drei Tage der Musik | Bild: NDR

Drei Tage peace and music. Woodstock. 50 Jahre her, aufs Wochenende genau. Woodstock hat die Welt bewegt. Mich auch, wenn auch erst Jahre später, dafür aber bis heute. Was mich daran so packt, ist die ungeheure Sehsucht dieser Leute nach einer besseren Welt. Für die sind sie auf die Strassen gegangen und haben demonstriert, gegen Rassismus, gegen den Vietnamkrieg. Für freie Liebe. Und vor allem fasziniert mich, dass hier Menschen eine Erfahrung gemacht haben, als wenn für einen Moment der Himmel die Erde berührt.

In Woodstock waren 400.000 Menschen friedlich, frei, solidarisch und fröhlich, auf engsten Raum gedrängt, zusammen und haben gefeiert. Sie haben gezeigt, dass das mehr ist als Hippie-Romantik. Sie haben gezeigt: Wenn alle es wollen, geht es! An solche paradiesischen Momente kann ich eigentlich gar nicht mehr glauben, im Alltag und wenn ich die Nachrichten verfolge.

Woodstock war theologisch gesehen ein "Kairos"

Offenbar ist es ja nicht so: Es wollen nicht alle. Nur: allein von Realismus kann ich nicht leben. Ich brauche Visionen und Utopien. Und Woodstock ist eine Wirklichkeit gewordene Utopie. Einen "Kairos" nennen wir solche erfüllten Momente in der christlichen Theologie. Die sind wie eine Vitaminspritze für meine Hoffnung. Das ist es bis heute für Viele. Und wie muss das erst damals für die Leute, gewesen sein, die nach Woodstock regelrecht gepilgert sind, die sich politisch und gesellschaftlich eine andere Welt gewünscht haben! Wie unglaublich kraftvoll muss das gewesen sein, als sie gemerkt haben: Es geht!

Drei Tage lang haben sie ihre Vision gelebt: friedlich, solidarisch, fröhlich. Drei Tage, die so waren, wie das Leben sein sollte. Ein utopischer Moment.

Sex, drugs and rock'n'roll, ja klar, auch das war Woodstock. LSD-getränkte Weltflucht, auch das gehörte dazu. Aber vor allem schimmerte für einen kurzen Moment eine Utopie davon auf, was möglich ist und wonach sich nicht nur Hippies sehnen.

Wir haben die Bilder im Kopf von tanzenden, kiffenden, liebenden Menschen mit langen Haaren und entrückten Gesichtern. Legendär die Musik. Janis Joplin, Richie Havens, Jimmy Hendrix.

Was mich fasziniert ist der Geist von Woodstock. Und der war viel mehr, als nur nett und bekifft zu sein. Der bedeutete, dass die Werte der Gemeinschaft über den Egoismus gestellt wurden, dass dabei etwas Hoffnungsvolles, etwas Utopisches entsteht. Dieser Geist sprang sogar auf die konservative Dorfbevölkerung über, die diese Mega-Hippie-Versammlung mit großem Argwohn und sogar Feindseligkeit beobachtete. Als den Festivalbesuchern nämlich Essen und Trinken ausging, haben sie für sie ihre Kühlschränke geplündert.

Wir brauchen Momente wie Woodstock

Der Geist von Woodstock. Der sprang über. Auf das Dorf, auf die ganze Welt. Bis heute. Weil Woodstock die tiefe, menschliche Sehnsucht anspricht, nach einem Leben in Frieden, Freiheit und Solidarität. Eine Zeitung titelte: In Woodstock sind 400.000 Ichs zu einem Wir geworden. Solche Momente kann man nicht machen. Aber solche Momente brauchen wir. Gerade jetzt wieder. Sie werden anders sein, als Woodstock und vielleicht erkennen wir sie erst im Rückblick: Momente wie Geschenke des Himmels, in denen etwas durchschimmert vom Leben, wie es sein soll. Die wirken und Menschen verändern, weit über die Jahrzehnte hinaus. In denen etwas Neues beginnen kann. 

Woodstock. Drei Tage der Musik und des Friedens. Es hätten die besten Jahrzehnte werden können.

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Sa, 17.08.19 | 23:40 Uhr
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