SENDETERMIN Sa., 29.05.21 | 23:35 Uhr | Das Erste

Tief durchatmen

PlayPastorin Annette Behnken
Pastorin Annette Behnken: Tief durchatmen | Bild: NDR

Wenn ich jetzt zu Ihnen spreche und auf einmal halt ich die Luft an, kann es sein, dass Sie das auch gemacht haben, unwillkürlich den Atem angehalten haben. Man atmet mit den anderen. Darum ist es auch ganz schwer auszuhalten, wenn das Gegenüber mit zu wenig Luft spricht und die Stimme immer leiser wird und gleich keine Luft mehr zum Weitersprechen da ist – da kann man selber beim Zuhören kaum frei weiteratmen. Atemlos ist man immer zusammen.

Ein Jahr lang ist er ins Stocken geraten, unser Atem. Global. Individuell. Immer ist was dazwischen. Zwischen den anderen und mir, der Welt und mir, der Luft und mir. Abstand. Maske. Notwendig. Lebensrettend. Keine Frage. Aber, wie gut das tut, wenn man rauskommt, aus einer Besprechung, der Schule, dem Zug, dem Supermarkt und Maske ab und Durchatmen.

So`n Aufatmen geht gerade durchs ganze Land. Vielleicht nur eine Verschnaufpause. Mindestens ein Hoffnungsschimmer. Auf jeden Fall ganz viel Sehnsucht. Nach Freiheit im Gesicht und Sommer in der Seele. Fühlen, ohne was dazwischen. Licht, Luft, Leben, ganz dicht dran. Aufatmen.

Atmen. Ist unsere fundamentalste Form, mit dem Leben in Beziehung zu sein. Mit Freunden und Feinden. Mit Bäumen und Rosen. Zecken. Gänseblümchen. Schweinen. Katzen. On air – mit dem Leben. Dem ganzen Universum – ist bestimmt auch das ein oder andere Sternestaubkorn in unserer Atemluft.

Der erste Atemzug eines Lebens. Der letzte. Unzählige dazwischen. Und keiner davon liegt in unserer Macht. Man kann es nur geschehen lassen. Und mit jedem Atemzug gewahr werden, dass wir Beatmete sind. Beatmet, angeatmet – beschenkt mit Leben.

Aber es ist was dazwischen. Stoff, Gaze. Seit einem Jahr. Dass das notwendig ist, steht außer Frage, aber zugleich ist es wie ein Symptom.  Symptomatisch für unsere Beziehung zur Welt und zum Leben um uns. Wo was ganz anderes dazwischen ist, als Stoff und Gaze, nämlich: Entfremdung. Unsere Beziehung zur Welt ist entfremdet. Fundamental. Entfremdet, weil beherrscht durch die unheilvollen Leitmotive von Ökonomie, Macht und Machbarkeit. Und genau dadurch, wie wir umgehen mit Lebensräumen und Lebewesen, haben wir die Bedingungen dafür geschaffen, dass das Virus sich ausbreiten kann. Das Virus macht die Entfremdung überdeutlich sichtbar. Und es sensibilisiert. Dafür, dass uns in der Entfremdung etwas radikal flöten geht: Die Ehrfurcht vor dem Leben. Atemlos durch die Welt.

Statt atmend mit der Welt. Atmend sind wir elementar mit der Welt, dem Leben in Beziehung, in Austausch. Ein- und ausatmend. Atmend nehmen wir die Welt wahr und antworten auf sie. In jedem Atemzug ist spürbar, dass ich mein Leben verdanke, jemandem …, etwas …, dass ich verwoben bin mit allem, was lebt – wir atmen alle dieselbe Luft. Sind vom selben Geist beatmet. Lebensodem. Eingehaucht von dem, den wir Gott nennen. Für mich ist jeder Atemzug ein Gebet. Jeder Stoßseufzer ein Stoßgebet. Und so viele Atemzüge ich in diesem Leben habe, so viele Stoßgebete schick ich los: dass wir vom Atem lernen: Einen anderen Modus, in der Welt zu sein. Atmend. Ehrfürchtig. Nicht nur, aber auch: Für Freiheit im Gesicht. Irgendwann. Und Sonne in der Seele. Jetzt.

Sendetermin

Sa., 29.05.21 | 23:35 Uhr
Das Erste

Produktion

Norddeutscher Rundfunk
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DasErste