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Das Erwachen des Bösen

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Pastorin Annette Behnken: Das Erwachen des Bösen  | Bild: WDR

Der Tag gestern hat schwer angefangen. Ich wollte meine Gedanken für dieses WzS heute aufschreiben. Am Schreibtisch neben mir sitzt mein Mann. Wir teilen uns ein Arbeitszimmer. Wie meistens hat er ‘ne Online-Veranstaltung, Kopfhörer auf und redet normalerweise viel und laut auf den Bildschirm ein. Gestern saß er da und schwieg. Die Teilnehmer auf dem Bildschirm auch. Einer von ihnen hatte sich am Tag davor das Leben genommen. Ich habe mitgeschwiegen. Und gedacht: wie gut, dass sie sich das nehmen. Zeit für Mitgefühl und Erschütterung. Und ich dachte, vielleicht hat das auch was zu tun mit dem, worüber ich heute zu Ihnen sprechen möchte.

Etwas, das es eigentlich gar nicht geben sollte. Wogegen ich kein einfaches Rezept habe. Vier Buchsstaben. Passen auf die Finger einer Hand, einer Faust. Anfangen tut es in unseren Köpfen und Herzen. Und geht weiter in Blicken, Fäusten, in Diskriminierung, kleinen Gesten. Roher Gewalt. Und es hat einen "Gedenktag" am 9. November. Der Hass

Am 9. November 1938 haben Nazis ihrem Hass gegen jüdische Menschen freien Lauf gelassen. Geschäfte, Häuser zerstört. Synagogen niedergebrannt. Menschen ermordet. Ab da war der Hass gegen jüdische Menschen staatlich abgesegnet. Und viele haben mitgemacht.

In diesem Jahr nimmt die antisemitische Gewalt in unserem Land wieder zu. So sehr, wie lange nicht. Das Hassen nimmt zu. Entzündet sich wahllos. An allem, was zur falschen Zeit am falschen Ort ist: Nationalitäten, Masken, Impfungen. Blätter im Garten vom Nachbarn. An geparkten Autos. Hautfarben. Religionen. An Meinungen. Antisemitismus ist übrigens keine Meinung. Sondern eine Straftat. Und trotzdem scheint der Hass wieder salonfähig zu werden. Laut und ohne Scham. Oder auch versteckt, mit einem Vokabular, das man kennen muss, um es zu verstehen. Man sagt Globalisten statt Juden und deutet mit dem Great Reset eine jüdische Verschwörung gegen die Welt an.

Hass lügt. Hass ist schwach. Wer hassen muss, was ihm fremd ist oder ihn in Frage stellt ist schwach. Hass verpestet die Atmosphäre. Raubt uns Mut. Macht uns misstrauisch, ängstlich und hart.

Und das Furchtbare ist: Es gibt  kein Patent-Rezept dagegen. Aber ein jüdischer Mann, der vor sehr langer Zeit lebte, hat gelehrt, dass die Liebe die größte, revolutionärste und heilsamste Kraft überhaupt ist. Liebe Deinen Nächsten. Wie Dich selbst. Wie Gott – das war ihm das höchste Gebot. Daran kann man sich abarbeiten, sich reiben und daran kann man scheitern. Aber seit zwei Jahrtausenden steht dieser Satz in der Welt. Und ich glaube, das ist der einzige Weg: Die Liebe.

Wir müssen die Liebe neu lernen. Sagt der Autor Florian Illies, der gerade ein Buch geschrieben hat über die "Liebe in Zeiten des Hasses". Liebe. Eine Haltung, die das Kostbare im andern sieht. Eine Kraft, in der Toleranz und Zivilcourage wurzeln.

Ob wir, ob jeder Liebe lernen kann? Aber wir können auf unsere Köpfe und Herzen aufpassen und auf das, was sich darin bewegt. Und wir können uns Zeiten nehmen, schweigend oder anders. Am 9. November. An jedem Tag. Zeiten, in denen wir an uns ranlassen, was uns erschüttert, was uns verunsichert, was uns fremd ist. Und uns reich macht. Weil wir nicht nur unmenschlich sind, sondern auch furchtbar arm, wenn wir die Vielfalt nicht lieben.

Sendetermin

Sa., 06.11.21 | 23:35 Uhr
Das Erste

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Norddeutscher Rundfunk
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