SENDETERMIN Sa., 24.09.22 | 23:35 Uhr | Das Erste

Erschöpfung

PlayPastorin Annette Behnken
Erschöpfung | Video verfügbar bis 24.09.2027 | Bild: NDR

Wie wär‘s, wenn wir einfach aufgeben? … Aufhören. – Nicht mehr anstrengen. Nicht mehr Zusammenreißen. … Es ist alles zu viel.

Überall Katastrophen. Der Krieg, der gerade die nächste Wendung nimmt. Die Erschütterungen der Welt. Und dann noch der Alltag. To-do-Listen. Arbeit. Hafermilch gegen Kuhmilch abwägen. Kinder gesund und glücklich groß kriegen. Dauernd irgendwie die Welt retten müssen. Angst, Hoffnung und Sehnsucht. Zwischendurch les´ ich die neuesten Antiresignationstipps. Suche nach Glücksmomenten.

Versuche, ein irgendwie smartes Leben zu führen. Auch sinnerfüllt irgendwie. Also: Aufgeben ist keine Lösung. Oder doch? Wir sollen Heldinnen und Helden sein. Aber in mir schreit ziemlich laut meine innere Antiheldin. Und will, dass ich ihr verflixt nochmal zuhöre. Es scheint, so geht`s Vielen. Zumindest platzen psychologische Praxen und Beratungsstellen aus allen Nähten, genauso die Regale in Buchhandlungen mit den Tipps, wie wir Erschöpfung, Ohnmacht und Sinnlosigkeit loswerden.

Aber – … : Wie wär’s, wenn wir aufhören damit? Nicht mehr müssen müssen. Aufhören, gegen unsere Ohnmacht und Erschöpfung anzukämpfen. Innerlich die weiße Fahne schwenken und uns die Kapitulation erlauben. Und uns die Last der Welt für einen Augenblick von den Schultern rutschen lassen. Was wäre dann? Ein schlechtes Gewissen … – vielleicht. Angst … – Kontrolle abgeben ist nicht leicht.

Manchmal geht das nur ganz langsam, so, wie ein lange verkrampfter Muskel auch Zeit braucht, um sich wieder zu lösen und sich mit Blut und Sauerstoff durchfließen zu lassen. Wenn ich von mir abfallen lasse, was ich nicht mehr tragen kann. Dann kann was passieren. Wenn ich so ehrlich zu mir bin, zu sagen: Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr. Dann kann was passieren, das wir mit aller Anstrengung nicht hinkriegen. Auch nicht mit dauerndem Zusammenreißen.

Wenn ich fallen lasse, was zu schwer geworden ist – … also: ich muss mir das nur vorstellen und muss unwillkürlich tief durchatmen. Aufzugeben schenkt mir `ne Atempause. Ich kämpf nicht mehr gegen mich an. Zu resignieren schenkt mir Erholung. Ich lass mich in meine Sehnsucht nach Loslassen sinken. In meine Ohnmacht. In meine Schwäche.

"Wenn ich schwach bin, bin ich stark", heißt es in der Bibel. Und eine geheimnisvolle, leise Wandlung kann passieren. Ganz langsam kann ich anfangen, zu spüren, was da ist, einfach da ist, ohne dass ich es machen oder erzwingen kann. Ganz klein und leise zuerst. Geschenkte Kräfte, die wieder fließen können, sobald ich loslasse. Meine Liebe zur Welt und zum Leben.

Wenn ich schwach bin, bin ich stark – das ist, wie innerlich auf Grund kommen. Nicht, um da jetzt für immer liegen zu bleiben. Sondern auf Grund kommen, neuen Grund unter den Füßen haben und von Grund auf mich nach und nach neu wieder aufrichten können. In diesem Leben. In dieser Welt.

"Lass dir an meiner Gnade genügen. Denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig", sagt Gott in der Bibel. Scheint `n guter Freund meiner inneren Antiheldin zu sein. Aufgeben ist keine Lösung? Doch, ich finde schon. Schwach sein können ist eine wichtige Lebenskunst, manchmal sogar überlebenswichtig.

Sendetermin

Sa., 24.09.22 | 23:35 Uhr
Das Erste

Produktion

Norddeutscher Rundfunk
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DasErste