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Ist das solidarisch?

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Pfarrer Wolfgang Beck: Ist das solidarisch? | Bild: NDR

Haben Sie gute Nachbarn? Helfen Sie sich gegenseitig mit Lebensmitteln aus, wenn die mal zur falschen Zeit im Haushalt fehlen? Oder nehmen Sie gegenseitig Pakete an? Sorgen Sie sich um das alte Ehepaar, das es nicht mehr vor die Tür schafft? Super, wenn Nachbarschaft im Dorf oder gar in der Stadt so gut klappt. "Wir sind hier richtig solidarisch", davon sind dann viele überzeugt. Aber ist das wirklich so? Ist so eine gegenseitige Hilfe wirklich schon Solidarität? Ich habe da meine Zweifel.

Sicher, da haben sich Menschen gegenseitig ein bisschen im Blick. Kennen sich ganz gut und unterstützen sich, wenn es nötig wird. Hoffentlich erleben viele Menschen solchen Zusammenhalt. Das ist gut. Aber ist das solidarisch? Dieser häufig benutzte Begriff scheint mir eine Nummer zu groß für die Nachbarschaftshilfe. Das ist eher eine sympathische Gemeinschaft mit Gleichgesinnten, im Sportverein, unter Kollegen oder in der Kirchengemeinde. Jeder braucht mal Hilfe. Da ist dann die Hoffnung, dass die anderen auch mich im Blick haben werden und mir mal etwas aus dem Supermarkt mitbringen oder mich zum Arzt fahren. Es ist super, wenn das Miteinander von Menschen so funktioniert.

Doch wenn ich nur helfe, weil ich selbst irgendwann einmal auf Hilfe angewiesen sein werde, ist vermutlich auch versteckter Eigennutz dabei. Es wäre eine Zweckgemeinschaft, was auch okay ist. Wo ziehen Menschen eine Grenze, an der ihr Mitgefühl deutlich abnimmt? Und wo beginnt wirkliche Solidarität, von der ich selber nichts habe und nichts will?

In diesen Tagen ist Kanzlerin Merkel mit einer Delegation zu Besuch in China. Es gibt eine wirklich sehr lange Liste wichtiger Themen. Dazu gehört auch der anhaltende Protest in Hongkong. Die Menschen demonstrieren dort seit Wochen und Monaten. Nicht mehr nur gegen ein problematisches Gesetz oder gegen die befremdlich agierende Regierungschefin. Längst gehen die Demonstranten für Demokratie und Menschenrechte auf die Straße. Hier bei uns wird das eher beiläufig wahrgenommen. Und da die Proteste kontinuierlich verlaufen, sind viele wohl schon ermüdet. Es sind halt Ereignisse am "anderen Ende der Welt".

Doch gerade deshalb ist die geforderte Unterstützung für die Menschen in Hongkong, die sich für Menschenrechte und Demokratie einsetzen eben auch ein Ernstfall der Solidarität. Sicherlich haben wir von dieser Solidarität hier in Deutschland nichts oder die erbetene Unterstützung schadet vielleicht sogar bei einigen Geschäften. Wer jedoch solidarisch ist, lässt sich auf einen unbequemen Weg ein.

Der Soziologe Heinz Bude hat sich mit dieser Frage wirklicher Solidarität von Menschen beschäftigt. Er unterscheidet die Solidarität, die es zwischen Menschen gibt, weil sie einer festen Gruppe angehören: die Nachbarn, das Dorf, die Nationalität. So ein Zusammenhalt ist ganz gut, aber er hat noch nicht unbedingt viel mit dem zu tun, was wir als Christen mit Begriffen wie Liebe und Solidarität meinen. Denn wer bei Zweckgemeinschaften nicht dazu gehört, bekommt meist weniger Aufmerksamkeit und Hilfe.

Christliche Solidarität hingegen wird gerade daran erkennbar, dass ich nichts davon erwarte. Und sie kommt ohne Abgrenzungen aus. Das ist ziemlich provokativ, wie die Praxis von der wir bei Jesus in der Bibel erfahren. Seine Aufmerksamkeit für Menschen, die als Aussätzige gelten, ist geradezu ein Skandal. Seine Zuwendung zu den Zöllnern, Sündern, Kollaborateuren ist für andere schwer auszuhalten. Es ist eine Solidarität, die Grenzen überwindet, statt sie zu errichten. Eine Solidarität, die er lebt, ohne selbst etwas davon zu haben. Das kann bis heute irritieren. Und es kann heilsam sein, für die Grenzen, die immer wieder neu in Köpfen entstehen.