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Das Sterbehilfe-Urteil

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Pfarrer Wolfgang Beck: Das Sterbehilfe-Urteil | Bild: NDR

Das Leben eines jeden Menschen ist kostbar. Diese Überzeugung gehört für mich zum Kern menschlicher und christlicher Werte. Deshalb finde ich es richtig, wenn wir Christen ohne Wenn und Aber für den Schutz menschlichen Lebens eintreten und uns auch schützend vor die stellen, bei denen diese gleiche Würde infrage gestellt wird. Aus diesem Grund gab es in der Vergangenheit immer wieder heftige Debatten zu ethischen und moralischen Fragen in unserer Gesellschaft. Vor fünf Jahren fanden die Mitglieder des Bundestags einen tragfähigen Beschluss mit dem Verbot gewerblicher Sterbehilfe. Deshalb war die Kritik aus den großen Kirchen an der Entscheidung zur Erlaubnis der Sterbehilfe in den letzten Tagen groß.

Mit dem aktuellen Urteil des Bundesverfassungsgerichts wird nun also neu darüber zu sprechen sein, wie wir in unserer Gesellschaft mit dem Ende des Lebens umgehen. Der Suizid soll nun zum Recht auf Selbstbestimmung jedes einzelnen Menschen gehören. Die Hilfe dazu darf also nicht generell verwehrt werden. Und Ärzte stehen künftig vor einer belastenden Aufgabe: Sie sollen nicht mehr nur Schmerzmedikamente verordnen, sondern auch mit dem Bereitstellen des tödlichen Giftes das Sterben ermöglichen.

Aber welche Kriterien sollen für einen berechtigten Suizid-Wunsch gelten? Muss es eine unheilbare Krankheit sein oder genügt das subjektive Empfinden? Gibt es eine Altersgrenze? Wie ist es mit den Menschen, die unter psychischen Krankheiten leiden? Oder soll ganz einfach der persönliche Wunsch ausreichen, weil das Sterben als reine Privatsache angesehen wird?

Schwerwiegende Fragen. An ihnen wird deutlich, dass mit dem Urteil von Karlsruhe die Diskussionen um die einzelnen Regelungen erst beginnen werden. Ich hätte mir gewünscht, dass es bei dem klaren Nein geblieben wäre – auch weil ich heute selbst nicht weiß, wie ich mit schweren Schmerzen und Krankheit denken und fühlen werde.

Es wird in dieser Situation nun auch für die Kirchen anspruchsvoller: Einerseits warnen sie vor weiteren Fehlentwicklungen. Dafür braucht es nicht viel Fantasie, wenn der Suizid eben doch die günstige Alternative zur teuren Palliativmedizin und anspruchsvollen Sterbebegleitung wird. Und es wird anspruchsvoller auch gegenüber den schwerkranken und sterbenden Menschen deutlich zu signalisieren: Wir begleiten Euch in der Seelsorge und in der Pflege, wenn ihr das möchtet – selbst dann, wenn die Art Eures Lebensendes nicht unsere Zustimmung findet.

Auch kirchliche Einrichtungen haben in den letzten Jahren den Ausbau der Sterbebegleitung in Hospizen und der Palliativmedizin sehr stark unterstützt. Sie müssen nun auch den Spagat vollbringen, einerseits eine klare Haltung gegen den Suizid als eine Form der Selbstbestimmung auszudrücken und andererseits einfühlsam diese Menschen in der Pflege, in Hospizen und in der Seelsorge zu begleiten. Einerseits also eine klare Position gegen die Selbsttötung. Andererseits das deutliche Signal an alle, die in Krankheiten und Schmerzen zu verzweifeln drohen: wir begleiten euch in der Pflege und in den Hospizen, in der Palliativmedizin und in der Seelsorge. Wir begleiten euch auch dann, wenn ihr eine Entscheidung für eine Selbsttötung trefft, die wir nicht gutheißen können.

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Sa., 29.02.20 | 23:50 Uhr

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