SENDETERMIN Sa., 25.07.20 | 23:55 Uhr | Das Erste

Geht so das neue Normal?

gesprochen von Dr. Wolfgang Beck (kath.)

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Pfarrer Wolfgang Beck: Geht so das neue Normal? | Bild: NDR

Ich bin schwer genervt und ärgere mich wirklich. Da kommen wir in Deutschland halbwegs glimpflich durch die Corona-Pandemie, weil sich die meisten diszipliniert an die Masken- und Abstandspflicht halten, Senioren mussten auf die Besuche von Angehörigen verzichten ,Eltern sind mit der Organisation der Kinderbetreuung echt belastet. Und Schulabgänger*innen bekommen ihre Zeugnisse in sehr nüchternem Rahmen. Wie die Einschulung der Jüngsten aussehen wird, ist auch noch ziemlich offen. Alle sind irgendwie betroffen, mussten und müssen Opfer bringen. Und die meisten sehen ein, dass es eben nicht anders geht. Besondere Krisenzeiten halt. Aber nun das: Einigen ist alles egal! So schnell wie möglich zum Partymachen nach Mallorca. Oder zum Saufen in die Innenstädte. Alle Regeln einfach mal außer Kraft gesetzt.

Auf Eigenverantwortung und solidarisches Denken zu setzen, ist wichtig. Aber bei einigen reicht das offenbar nicht. Das Verhalten von Menschen zu ändern und auf ein solidarisches und rücksichtsvolles Handeln zu hoffen, ist ein langer Weg. Die meisten von uns fallen eben immer wieder in die gewohnten Verhaltensmuster. Das lässt sich beim Umgang mit der Klimaproblematik beobachten und jetzt eben auch in der Corona-Pandemie.

Wie bringt man Menschen zum umdenken?

Es ist ein bisschen wie mit den guten Vorsätzen am Jahresbeginn, die dann bestenfalls bis Mitte Januar durchgehalten werden. Danach: Alles beim Alten! Umdenken ist schon schwer. Die eigenen Verhaltensmuster zu ändern, scheint fast unmöglich. In den alten biblischen Texten ist das Problem auch schon bekannt. Die Propheten des Alten Testaments versuchen es durch drastische und provokative Appelle. Aber auch ihr Erfolg ist meist mäßig. Wie könnte so ein drastisches Aufrütteln heute aussehen? Alle SUV-Fahrer*innen anbrüllen, dass sie mit ihrem Energieverbrauch die Zukunft ihrer Kinder zerstören?! Den Masken-Muffeln zuraunen, dass wegen ihrer Rücksichtslosigkeit möglicherweise bald ein Familienvater erstickt? – Das ist Ihnen dann doch etwas zu drastisch?

Alte Gewohnheiten zu überdenken ist eine wichtige Fähigkeit

Wer in diesen Wochen meint, er oder sie könne einfach zum früheren Verhalten zurückkehren, hat von der notwendigen Solidarität noch nicht viel verstanden. Im christlichen Glauben baut das gemeinsame Leben darauf auf, dass Menschen umdenken. Umkehr, "Metanoia", so heißt das in den biblischen Texten. Wer nicht in der Lage ist, im eigenen Leben immer wieder neue Prioritäten zu setzen und das bisher Normale in Frage zu stellen, wird nicht zu einem solidarischen und christlichen Leben finden. Es braucht diese Fähigkeit, sich in den Gewohnheiten verunsichern zu lassen. Das gilt erst recht in diesen Wochen und Monaten. Wer sich einen gelungenen Urlaub nur mit Party und Massenbesäufnis vorstellen konnte, wird umdenken müssen. Wer sich ein gelungenes Wochenende nur mit vielen Menschen auf engstem Raum vorstellen konnte, wird umdenken müssen. Wer meint, dass Alltagsregeln wie Gesichtsmasken und Abstand, nur für die anderen gelten und er sich lachend und achselzuckend darüber hinwegsetzen kann, wird umdenken müssen.

Wer dieses Umdenken nicht leistet, stellt sich selbst ein Armutszeugnis aus und stellt die Gesellschaft vor die Frage, wie sich solidarisches Handeln deutlicher einfordern lässt.

Haltung zeigen!

Auch heute Nacht werden wohl wieder in den Innenstädten viele Menschen Party machen. Und es wird viele Polizist*innen brauchen, um die blödsinnige Randale zu verhindern. Die Grundhaltung: "Mir doch egal!" ist so ziemlich das komplette Gegenteil jedes solidarischen Denkens. Umdenken und Verhalten ändern – das ist anstrengend und nervig. Es ist aber auch ein Zeichen von charakterlicher Größe! Wär' doch mal was, mit so einer Haltung zu beeindrucken.

Einen schönen Sonntag!

Sendetermin

Sa., 25.07.20 | 23:55 Uhr
Das Erste

Produktion

Norddeutscher Rundfunk
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DasErste