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Abschied von toxischer Erinnerungskultur

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Pfarrer Wolfgang Beck: Abschied von toxischer Erinnerungskultur | Bild: ARD

"Mein Gott, wie beklemmend!" dachte ich, als ich vor vier Wochen in Bautzen die dortige Gedenkstätte besucht habe. Das "Gelbe Elend", ein Gefängnis, in dem seit 1950 das SED-Regime Menschen inhaftierte und auf übelste Weise schikanierte, gerade auch politisch Engagierte. Solche Orte sind wichtig, um die Bedeutung von dreißig Jahren deutscher Einheit zu ermessen. Da geht es ja nicht nur um die Frage, welche Fehler bei der Einführung der gemeinsamen Währung oder im Bereich der Treuhandgesellschaft gemacht wurden. Da geht es nicht nur um die Gegenüberstellung von chic restaurierten Innenstädten einerseits und bis heute ungleichen Lohn- und Rentenniveaus andererseits. Es geht nicht nur darum, für wen diese deutsche Einheit eine glückliche Fügung des Lebens war und für wen sie mit dem Verlust des Arbeitsplatzes und Perspektivlosigkeit verbunden war. Zur Einordnung dieser dreißig Jahre gehört auch, dass Menschen sich sehr, sehr unterschiedlich an das erinnern, was sie vor der "friedlichen Revolution" und dem Sturz des SED-Regimes erlebt haben.

Im Erinnern treffen Menschen immer eine Auswahl, meist unbewusst. Die einen erinnern sich an Kinderbetreuung, an entspannte Feierabende mit Nachbarn und an ein weniger gehetztes Leben in der DDR. Die anderen aber auch an den überbordenden Militarismus mit seinem Drill in den Kasernen und dem Schießbefehl an der Grenze. An Jugendliche, denen Abitur und Studium verwehrt wurde, weil sie ihren christlichen Glauben praktizierten. An Umweltschäden durch Giftmüll und Abgase in den Industrieregionen, die sich heute kaum noch jemand ausmalen kann.

Wer versucht, sich eine Meinung darüber zu bilden, ob diese dreißig Jahre für die Menschen in unserem Land insgesamt doch eher gut waren oder ob sie als eine Kette von Ungerechtigkeit und Verlusten zu bewerten sind, wird das eigene Erinnern immer auch kritisch hinterfragen müssen. Das gilt ja schon für die eigene Familiengeschichte und Biografie: Bleibt da nur der Blick auf die Urlaubserlebnisse und Familienfeiern, also auf das Schöne? Oder erinnere ich mich auch an die Situationen, in denen ich gescheitert bin, in denen Menschen sich gegenseitig verletzt haben oder Dinge einfach nur peinlich waren? Das Erinnern ist schwierig. Das zeigt sich nicht nur darin, an was ich mich erinnere. Es zeigt sich auch darin, wozu ich mich erinnere. Welchen Sinn und Zweck, welches Ziel hat mein Erinnern? Geht es nur darum, sich mit dem Fotoalbum oder einer Geschichtsdokumentation im Fernsehen ein bisschen romantisch zu berieseln? Geht es nur darum, sich selbst und die eigene Weltsicht zu bestätigen?

Der Schriftsteller Max Czollek kritisiert solche Formen einer sogenannten Erinnerungskultur, die nur darauf ausgerichtet ist, sich selbst ein bisschen besser zu fühlen. Ich glaube, das wäre eine toxische, eine das Leben letztlich mindernde Form des Erinnerns. In der christlichen Tradition spielt das Erinnern eine zentrale Rolle, aber eben nicht bloß als Rückbezug auf etwas, was vor 2.000 Jahren irgendwo in der hintersten Ecke des Römischen Reiches geschehen ist.

Christliches Erinnern hat eigentlich immer einen ausdrücklichen Bezug zur Gegenwart. Es soll für die Wahrnehmung des Unrechts heute sensibilisieren. Es soll helfen, heutige Menschen, die zu Opfern werden, überhaupt sehen zu können. Es soll Kraft geben, um heute das Leben gerechter und solidarischer zu gestalten. Eine so verstandene Erinnerungskultur beschränkt sich eben nicht auf ritualisierte Staatsakte und Feierstunden, sondern bringt aktuelle Probleme zur Sprache. Sie ist nicht gefühlig und sentimental, sondern mobilisiert. Ein Erinnern, bei dem das Unangenehme nicht ausgeklammert wird, nicht in der Vergangenheit und nicht in der Gegenwart, so ein Erinnern ist wirklich anspruchsvoll, aus meiner Sicht aber dringend und notwendig.