SENDETERMIN Sa., 12.03.22 | 23:50 Uhr | Das Erste

"Da lag ich falsch mit meiner Meinung"

PlayPfarrer Wolfgang Beck
Wolfgang Beck: "Da lag ich falsch mit meiner Meinung" | Bild: Angelika Kamlage

"Es tut mir leid, ich habe die Situation komplett falsch eingeschätzt." Solche Sätze sind seit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges gerade auch von Menschen in politischer Verantwortung häufiger zu hören. Mir verlangt das großen Respekt ab! Denn ich weiß, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, wie schwer mir selbst solch ein Eingeständnis fällt.

Mit Inbrunst habe ich schon Überzeugungen vertreten und damit sicher auch Leute vor den Kopf gestoßen. Und erst nach und nach kam mir selbst der Verdacht: Liegst Du vielleicht selbst falsch? Zwar gehört die Aufforderung zur Umkehr zum Kernbestand christlicher Spiritualität, gerade jetzt in der Fastenzeit. Aber so ein Umdenken bleibt vermutlich eine der größten Herausforderungen des Lebens. Es geht dabei ans Eingemachte. Ich nehme Abschied von dem, was mir jahrelang stimmig erschien: Da habe ich mir ein Bild von der Lage gemacht, mit Argumenten eine Meinung gebildet. Doch auf einmal hat sich die Situation verändert und jetzt muss ich mir eingestehen: ich habe falsch gelegen und damit vielleicht noch Mitmenschen das Leben schwer gemacht: In meinem Blick auf für mich fremde Lebensentwürfe. Oder in der Frage, wie auf die Klimakrise konkret zu reagieren ist – und das sind noch nicht mal meine unangenehmsten Kehrtwenden.

Und mal ehrlich: Wann haben Sie zuletzt gesagt: "Es tut mir leid, das habe ich wohl wirklich falsch eingeschätzt."? So ein Satz dürfte wohl den allermeisten Menschen nur sehr schwer und selten über die Lippen kommen.

Auch in der Politik, gerade im Blick auf den Ukraine-Krieg, gibt es bei vielen so ein Umdenken. Und es wird sichtbar: Wer umdenken kann und wer seine Fehleinschätzungen sich selbst und anderen gegenüber eingestehen kann, der zeigt darin keine Schwäche. Im Gegenteil! Die Bereitschaft zur Korrektur zeigt meist doch eher charakterliche Größe!

Seltsam ignorant und aus der Zeit gefallen, wirkt doch eher, wer diese Kraft zur Korrektur nicht aufbringt. Und dabei zeigt sich eine wichtige Unterscheidung, die zur Gewissensfrage werden kann: Halte ich an den Positionen fest, weil ich mir wirklich treu bleiben muss? Oder ist es doch ein Gefangensein in einem Selbstbild und die Angst vor dem Eingeständnis einer gründlichen Fehleinschätzung?

Manchen wäre dann noch mal ein Innehalten, ein Nachdenken und Umdenken zu wünschen: Einem Moskauer Patriarchen, der die christliche Botschaft mit nationalistisch-restaurativen Elementen kombiniert und nicht bemerkt, wie sehr er damit die eigenen Grundlagen verrät und mit seinen homophoben Ausfällen der christlichen Botschaft schadet. Oder diejenigen in Europa, die selbst bei der Hilfe für notleidende Flüchtlinge noch nach Hautfarbe und Religion unterscheiden. Die Reihe für nötiges und wünschenswertes Umdenken ist lang und ich kann mich selbst davon nie ausnehmen. Ich kann nur hoffen, dass es die erforderlichen Gelegenheiten gibt, die auch mich – und vielleicht Sie! – zum Nachdenken und Umdenken bringen.

Hilfreich kann dabei die Erkenntnis sein: Das Eingeständnis der Fehleinschätzung, das mit jeder Korrektur verbunden ist, ist ein Zeichen menschlicher Größe. Danke all denen, die in den letzten Wochen diese Größe gezeigt haben. Und einen baldigen Frieden für die Ukraine!