SENDETERMIN Sa., 23.04.22 | 23:35 Uhr | Das Erste

"Steh auf und zeig Dich!"

PlayPfarrer Wolfgang Beck
Das Wort zum Sonntag | Video verfügbar bis 23.04.2027 | Bild: Angelika Kamlage

Sich vor anderen Menschen hinstellen und eine Rede halten, das konnte ich mir als Jugendlicher und als Student überhaupt nicht vorstellen. "Was soll ich schon zu sagen haben? Da blamiere ich mich bis auf die Knochen." Ich musste erst als Kaplan und Pfarrer, als es also gar nicht mehr anders ging, mühsam lernen, vor anderen Leuten zu reden. Heute schmunzle ich darüber.

Die Zurückhaltung und Schüchternheit wirken vielleicht seltsam, weil es eben in meinem und vielen anderen Berufen zur Normalität gehört, vor anderen zu stehen und zu sprechen. Aber ich weiß, dass es vielen Menschen ähnlich geht. Die dann vor solchen Situationen flüchten oder sich wortwörtlich verstecken. Ich staune bis heute über das Selbstbewusstsein, mit dem Andere laut ihre Meinung vertreten – manchmal sogar ohne sich wirklich mit dem Sachverhalt vertraut gemacht zu haben.

Aber ich weiß auch: Es ist eine Versuchung, sich vor dieser Herausforderung zu drücken. Vor andere Menschen zu treten und dann auch eine eigene Position zu vertreten bedeutet ja, sich persönlich zu zeigen. Sich sichtbar zu machen. Und das ist immer ein bisschen riskant. Ich lege mich dann fest und schnell entstehen Missverständnisse. Ich könnte Falsches sagen und müsste hinterher zurückrudern. Und dann flüstert mir noch eine innere Stimme zu. "Da ist bestimmt irgendwer im Raum, der sich besser auskennt als Du."

Auch deshalb ist mir ein Element am Osterfest wichtig, das wir Christ*innen ja noch einige Wochen lang feiern: Die biblischen Texte beschreiben, dass Jesus sich nach seinem Tod immer wieder als Auferstandener verschiedenen Menschen zeigt. Er wird sichtbar, erlebbar und damit auch angreifbar, ganz konkret. Diese Ereignisse wirken manchmal seltsam. So, als wüssten die biblischen Texte auch nicht ganz genau, wie sie das mit der Auferstehung beschreiben sollen. Zentral ist aber, dass Jesus sich immer wieder zeigt.

Mir persönlich ist dabei wichtig, dass Gott selbst offenbar dieses Risiko eingeht, sich skeptischen Blicken auszusetzen und sich sichtbar zu machen, gerade auch den größten Zweiflern. Die österlichen Schilderungen der Bibel sind wie ein Statement gegen die Versuchung, sich zurückzuziehen oder zu verkriechen.

Das ist auch in gesellschaftlichen Debatten wichtig, egal ob es die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie sind oder Einordnungen zum Ukraine-Krieg. In früheren, monarchischen und undemokratischen Gesellschaftsformen war es möglich, Macht und Ansehen zu steigern, indem man sich für die Mitmenschen rar macht, sich möglichst wenig zeigte. Zur demokratischen Kultur gehört es stattdessen, Meinungen zu formulieren und selbstbewusst und mit Autorität vor die anderen hin zu treten.

In der Antike war es das Recht weniger, in der Versammlung aufzustehen und zu reden. In unserer Kultur haben wir alle dies Recht, unsere Meinung zu vertreten. Zur Pflicht wird dieses Recht aber bei denen, die politische Ämter und damit Verantwortung tragen. Damit wir gemeinsam Standpunkte finden und ins sachliche Diskutieren kommen, braucht es diesen Schritt, sich zu exponieren.

Es braucht Menschen, die gerade darin Verantwortung übernehmen, dass sie eine begründete Position beziehen und sich dafür auch kritisieren lassen. Selbst wenn sie abwegige Meinungen vertreten, die mir ganz fremd sind – es ist mir lieber, als die schweigende Zurückhaltung derer, die sich absichern und damit Kritik vermeiden wollen. Aufstehen, Position beziehen und sich erklären – das bedeutet auch, die anderen Menschen ernst zu nehmen. Einen guten Sonntag!

Sendetermin

Sa., 23.04.22 | 23:35 Uhr
Das Erste

Produktion

Norddeutscher Rundfunk
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DasErste