SENDETERMIN Sa., 07.05.22 | 23:35 Uhr | Das Erste

Opfer brauchen Solidarität

PlayPfarrer Wolfgang Beck
Das Wort zum Sonntag | Video verfügbar bis 07.05.2027 | Bild: Angelika Kamlage

Ich habe, wie man so locker sagt, "eins auf die Fresse bekommen". Eine Erfahrung als Jugendlicher, die sich mir eingeprägt hat. Ich wollte nach einer Party nach Hause fahren und traf auf Typen, die mein Fahrrad klauen und randalieren wollten. Ich konnte mein Rad retten, aber ich habe auch ein paar Tritte und Schläge abbekommen. Für mich war das eine einschneidende Erfahrung, weil ich in meinem Leben bis dahin nicht viel Gewalt erlebt habe. Ich hatte keine Schuld an der Situation. Und wenn mir zuhause jemand gesagt hätte: "Die Typen hast Du wohl provoziert, was?!" – ich wäre empört gewesen! Oder: "Hättest Du nicht einen Kompromiss vorschlagen können?" Schwachsinn!

Wer dein Fahrrad klauen und dir eine reinhauen will, ist kein Gesprächspartner für Kompromisse. Warum ich ihnen das hier erzähle. Seit einigen Tagen gibt es intensive Diskussionen und Offene Briefe zum Umgang mit der schrecklichen Situation in der Ukraine und der Frage von Waffenlieferungen. Viele Menschen haben Sorge, der Krieg könne weiter eskalieren. Das lässt niemanden kalt. Aber welche Schlüsse ziehe ich daraus? Da gibt es Menschen, die fordern von den Opfern kriegerischer Gewalt ein Zugehen auf die Täter und die Suche nach Kompromissen. Und sie fragen, ob die Ukraine und auch die NATO den russischen Präsidenten nicht auch zu sehr provoziert hätten. Sie tun damit das, was gemeinhin als "Täter-Opfer-Umkehr" bezeichnet wird. Das heißt, dass den Opfern ein Teil der Verantwortung und Mitschuld für die Gewalt zugeschoben wird.

Um es klar zu sagen: Das ist schäbig! Menschen werden ja auch hier bei uns zu Opfern von Gewalt. Immer wieder! Wenn queere Menschen oder People of Colour, also Menschen mit dunklerer Hautfarbe, durch deutsche Innenstädte gehen, gibt es immer wieder Berichte von gewalttätigen Übergriffen. Wenn Frauen und Männer übergriffiges Verhalten erleben, ist das Gewalt. Wenn Minderjährige zu Sexobjekten werden, ist das Gewalt. Gewalt hat viele Formen, auch in meiner Kirche. Entscheidend ist dabei für mich: Ich habe immer solidarisch mit den Opfern zu sein. Als Mensch und Christ bin ich also immer parteiisch. Wo sich Täter und Opfer eindeutig erkennen lassen, da gibt es keine neutrale Position. Da habe ich immer auf der Seite der Opfer zu stehen – und das entspricht ganz den biblischen Grundlagen.

Von Gott selbst heißt es ja, dass er sich mit einem kleinen Volk verbündet, das malträtiert und ausgebeutet wird. Wenn ich diese Parteilichkeit für die Opfer von Gewalt ernstnehme, dann habe ich darin eine wichtige Orientierung für heute. Ich habe dann an der Seite der Opfer zu stehen. Dem Opfer irgendeine Mitverantwortung zu unterstellen, ist das Gegenteil dieser Solidarität. Nein, ein kurzer Rock einer Frau rechtfertigt keine sexualisierte Gewalt. Und nein, queere Menschen sind nicht selbst schuld, wenn sie angegriffen werden. Sie alle haben sich auch nicht um irgendwelche Kompromisse zu bemühen.

Denn das schriebe den Opfern eine Mitverantwortung für die Gewalt zu, die sie definitiv nicht haben. Deshalb ist zu betonen: Opfer von Gewalt – auch in der Ukraine – haben unsere unbedingte Solidarität und Hilfe verdient, keine Belehrungen und keine "Täter-Opfer-Umkehrung".

Sendetermin

Sa., 07.05.22 | 23:35 Uhr
Das Erste

Produktion

Norddeutscher Rundfunk
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DasErste