SENDETERMIN Sa, 07.12.19 | 23:30 Uhr | Das Erste

Geben macht glückseliger denn Nehmen

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Stefanie Schardien: Was macht glücklicher?  | Video verfügbar bis 07.12.2024 | Bild: BR

Normalerweise geht ein Klingelbeutel in der Kirche ruhig seinen Weg. Die Menschen im Gottesdienst werfen ihr Geld für den guten Zweck hinein und geben den Beutel weiter an die Banknachbarn. Normalerweise. Denn dieses Mal stockt es. Ein kleiner Junge sieht den samtenen Beutel mit den klimpernden Münzen auf sich zukommen und will hineingreifen. Die Mutter sofort: "Nein, da darfst Du nichts rausnehmen, Du musst etwas von uns reinwerfen." Da hätte der Pfarrer vorher zehnmal predigen können: "Geben ist seliger denn nehmen". Der Kleine schüttelt den Kopf. Er hält den Klingelbeutel fest. Warum sollte er den hergeben? Wo er auch gerade im Advent noch so besonders schön voll ist.

Festhalten, nicht hergeben. Die Zahl der Spender geht in Deutschland zurück. Laut Spendenbericht rund 700.000 weniger als im Vorjahr. Manche fürchten vielleicht steigende Kosten, und andere sind, wie der kleine Junge, einfach wieder mehr mit Blick auf das eigene Glück unterwegs.

Mich hat die Nachricht überrascht. Bei einer Gemeindefreizeit haben wir nämlich kürzlich gefragt: Was magst Du lieber: Schenken oder Geschenke bekommen? Die kleineren Kinder haben nicht groß nachgedacht: Natürlich Geschenke bekommen. Logisch. Die Erwachsenen und sogar schon einige ältere Kindern fanden dagegen: Klar, Geschenke sind toll. Aber selbst Schenken ist noch schöner. Am liebsten einfach so, weil die anderen sich freuen.

Wenn ich den Jungen mit dem Griff in den Klingelbeutel sehe, denke ich: Anderen etwas zu schenken, ist nicht angeboren. Das muss man ausprobieren und lernen. Abschauen, wie das andere machen, dieses "Einfach-So-Geben". Besonders im Advent und an Weihnachten. Denn darum geht es in dieser Zeit im christlichen Glauben: Dass Gott gibt, nichts für sich behält. Gottes Riesengeschenk ist einmal komplette Liebe, verpackt in Windeln. Ein Kind in der Krippe, der Erlöser. Vom Himmel hoch… da kommt er her. Einfach so, weil wir das mehr als gut gebrauchen können, auch heute noch, weil unsere Welt, weil wir Menschen Gott offenbar so lieb und so wichtig sind.

Einfach-So-Geben. Dabei macht man oft eine solche himmlische Erfahrung: Eigentlich erwartet man beim Spenden und Schenken nichts als Gegenleistung. Das heißt aber nicht, dass man nichts bekommt. In meiner Gemeinde gibt es eine ältere Dame, die uns jedes Jahr im Advent blecheweise selbstgebackene Plätzchen spendet, für unser Kirchencafé, für die Weihnachtsfeier. Und wenn es allen schmeckt, dann strahlt sie übers ganze Gesicht. Geben macht glücklich. Glückseliger denn Nehmen.

Der kleine Junge im Gottesdienst macht die himmlische Erfahrung dann doch schneller als gedacht: Er hält den Klingelbeutel noch ganz fest. Da flüstert seine Mutter: "Nein, schau mal, Du hast soo viel Spielzeug. Das hier ist für arme Leute." Der Junge guckt, wirft seine Münzen in den Beutel – und als er ihn weitergibt, sehe ich, wie er lacht.

Probieren Sie das mal aus mit dem Geben und Spenden. Und schauen Sie, was draus wird – bei den anderen und bei sich selbst.

Sendetermin

Sa, 07.12.19 | 23:30 Uhr
Das Erste

Zur Person

Dr. Stefanie Schardien ab 2019 neue Sprecherin. Die Pfarrerin aus Fürth wird im Mai 2019 ihr erstes "Wort zum Sonntag" sprechen.

Dr. Stefanie Schardien ist Pfarrerin der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern und arbeitet seit 2016 im Team der Kirchengemeinde St. Michael in der Fürther Altstadt.

Produktion

Bayerischer Rundfunk
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