SENDETERMIN Sa., 23.01.21 | 23:30 Uhr | Das Erste

Was tröstet?

PlayStefanie Schardien
Pfarrerin Stefanie Schardien: Abschied nehmen | Bild: BR

Ich hab das so noch nie erlebt. Jeden Morgen beim Frühstück die Todeszahlen. Wie viele heute? 900, 700, manchmal über 1000 an oder mit Covid Verstorbene. Insgesamt nun schon über traurige 50.000. Natürlich weiß ich als Pfarrerin: Gestorben wird immer. Aber jetzt rücken Tod und Sterben auf einmal viel zu nah. Menschen trauern und suchen Trost – immer mehr. Nur die Wege, mit dieser Trauer umzugehen, die werden in diesen Zeiten durch die Einschränkungen immer weniger. Und das gilt für alle, die jemanden verlieren, nicht nur bei Covid-Opfern.

Angehörige sagen mir oft: 'Der Abschied ist ja ohnehin schon schwer, aber jetzt auch noch unter diesen schrecklichen Bedingungen…' Ich kann sie gut verstehen. Beerdigungen sind gerade sehr anders. 

Das geht schon beim Trauerbesuch los: Die Witwe öffnet mir ganz ordentlich mit Maske die Tür. Aber wir merken schnell, dass FFP2-Masken nicht gemacht sind fürs Weinen, Schneuzen und dabei Erzählen. Also setzen wir uns mit ganz weitem Abstand in die Küche. Darum kann ich ihr nicht mal die Hand auf den Arm legen, als sie wieder in Tränen ausbricht. Berührungen, die eigentlich trösten könnten, fallen weg.

Trauerhallen, die an absurdes Theater erinnern

Dabei versuchen alle ihr Bestes. Eine Bestatterin erzählt: Sie fahren jetzt etwa mit dem Sarg im Leichenwagen noch einmal an der Wohnung der Verstorbenen vorbei, auch bei Nachbarn und Freunden. Damit die wenigstens noch einmal winken können. Wenigstens.

Dann auf dem Friedhof: Erlaubt sind höchstens 25 engste Angehörige und Freunde. Die Nachbarn gehören nicht dazu, mit dem kleinen Kind, mit dem der Verstorbene gern gespielt hat. Weniger Trost für Menschen, die Abschied nehmen wollen. Und dann stehen die Stühle in der Trauerhalle einzeln mit Abstand. Ein Bestatter meint: Das sieht nicht aus wie ein Abschied, sondern wie absurdes Theater. Trost braucht Nähe, Umarmungen.

Was ist der stärkste Trost im Glauben?

Was kann Menschen sonst noch trösten? Darum geht es für mich als Pfarrerin immer, aber jetzt scheint sie noch wichtiger. Wir alle ahnen: 'Kopf hoch, wird schon wieder!', das bringt nichts. Ich höre erst einmal zu: Was den Verstorbenen besonders gemacht hat. Worauf er sich eigentlich noch gefreut hatte. Wo er jetzt überall fehlt. Ich schaue Fotos mit an. Ich lache mit über lustige Erinnerungen. Ich klage mit über alles Verpasste im letzten Jahr: Hätten die Enkel ihn doch Weihnachten noch einmal richtig drücken können…
Eigentlich immer geht es auch um Hoffnungen: Was wohl kommt nach dem Tod? Und darum, dass etwas kommt. Wie trostlos blieben unsere Welt und unser Leben, wenn da nicht etwas Größeres warten würde. Etwas viel Größeres, in dem unser Leben ewig aufgehoben ist. Das ist für mich eines der stärksten, tröstenden Bilder im Glauben.

Bei der Trauerfeier dann erzähle ich davon: Von dieser Hoffnung – in der Bibel: Einen neuen Himmel und eine neue Erde soll es geben, Gott wohnt nebenan, alle Tränen abgewischt, kein Tod, kein Geschrei, kein Schmerz mehr. Das ist für mich der große Trost im Angesicht von so viel Leiden und Sterben. Und mit allem, was ich tue, möchte ich etwas weitergeben von dieser Hoffnung: Dass das, was ist, nicht alles ist und vor allem nicht alles bleibt.
Ich wünsche Ihnen allen eine gesegnete Nacht.