SENDETERMIN Sa., 19.03.22 | 23:35 Uhr | Das Erste

Nichts zum Lachen?

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Stefanie Schardien: Nichts zum Lachen? | Bild: BR

Gerade eben die Tagesthemen mit den schlimmen Nachrichten und am Ende: schöne Wetteraussichten? So ging es mir auch. Da stand ich vergangene Woche in der herrlichen Frühlingsluft am Sportplatz. Glückliche Kinder, die ersten warmen Sonnenstrahlen im Gesicht. So friedlich. Bis, ja bis ich auf einmal laute Motorengeräusche am Himmel höre. Ungewöhnlich. Tief über dem Sportplatz im Landeanflug auf den Nürnberger Flughafen: ein riesiges Militärflugzeug in Tarnfarben. Krieg. Es ist Krieg, und ich steh hier glücklich in der Sonne. Während so viele weinen, kann ich doch nicht lachen, oder? "Lachen hat seine Zeit; Weinen hat seine Zeit". Das ist der berühmte Spruch dazu aus der Bibel: Vielleicht ist jetzt einfach mal die Zeit zu Weinen.

In den letzten Tagen begegnet mir das oft: Freunde verschicken ihre Geburtstagseinladungen mit dem Nachsatz "auch wenn uns gerade allen vermutlich kaum nach Feiern ist…". Jede Comedy-Show startet mit Vorwort: "Ja, wir sind von Berufs wegen fröhlich, aber diese Lage ist doch gerade zum Heulen." Naja, was heißt schon gerade? Eigentlich hört doch die Zeit zu weinen nie auf. Krieg, Hunger, private Katastrophen gab und gibt’s doch immer. Also: Wie soll das Lachen überhaupt je seine Zeit haben?

Und ich als Pfarrerin - ich bin auch von Berufs wegen unterwegs mit einer "frohen Botschaft". Ich predige von Leben, von Liebe. Das ist mein Auftrag. Meine Berufung. Und zugleich werde ich ja ständig gerufen, um Traurige zu trösten, Tote zu beerdigen. Wie geht das zusammen? Lachen hat seine Zeit; Weinen hat seine Zeit. Aber: Es heißt nicht "Weinen oder Lachen", nicht "eins nach dem anderen". Und genauso erlebe ich das: Diese Zeiten liegen über- und ineinander.

Viele spüren das jetzt: Nach der ersten Kriegs-Schockstarre geht das Leben weiter, anders. Manche lassen jetzt die Wohnung kalt und boykottieren so russische Öl- und Gaslieferungen. Aber noch mehr: Viele spenden, beten, packen Care-Pakete und nehmen Flüchtende auf – so viele von uns lassen das Leid nah an sich ran. Und genau in dieser großartigen Nächstenliebe und im Mitleid spüren wir: Puh, das braucht Kraft. Durchatmen in der Frühlingsluft. Neben den grausamen Bildern brauchen wir Bilder vom Leben, so wie es eigentlich sein soll. Friedlich, fröhlich. Hoffnungen, von denen ich auch in meiner Gemeinde so oft erzähle. Unsere Seele braucht Himmelsbilder auf Erden. Dass das eigentlich Unmögliche wahr wird: Leben trotz Sterben, Auferstehen aus dem Tod. Dass Gott alle Tränen abwischt. Das macht fröhlich und gibt so Kraft. Denen, die Leid erfahren und auch denen, die weiter helfen wollen. Darum darf das Lachen, muss das Lachen seine Zeit haben, ja, auch jetzt. Unbedingt. Das Helle und Frohe des Lebens hochzuhalten, das ist Protest gegen alle, die unser Leben mit Gewalt und Tod verderben wollen.

Mit jedem Sonnenstrahl der Schöpfung und jeder Alltagsfreude etwas tanken von dem, was Gott für dieses Leben will, besonders für die Leidenden: Güte, Freude, Hoffnung. Und davon weitergeben an alle, die es gerade bitter nötig haben. Mitleiden und Sich-Freuen, beides hat jetzt seine Zeit. Spielen wir es nicht gegeneinander aus. Weinen Sie, lachen Sie! Kein "Oder". Ein "Und".

Sendetermin

Sa., 19.03.22 | 23:35 Uhr
Das Erste

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Bayerischer Rundfunk
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