Statement von Regine Bielefeldt

Drehbuch

Voll Vorfreude trifft die urlaubende Aenne (Katharina Wackernagel) im Haus ihres Malerfreundes Kuhn auf Sizilien ein.
Voll Vorfreude trifft die urlaubende Aenne im Haus ihres Malerfreundes Kuhn auf Sizilien ein. | Bild: SWR / Hardy Brackmann

»Als ich vorgeschlagen habe, einen Film über Aenne Burda zu machen, kannte ich ihren Namen vor allem von den Schnittmusterpackungen meiner Mutter. Sie hatte sehr viele davon, denn sie hat gerne und sehr gut genäht. Was meine Geschwister und ich – kleine Ignoranten, die war damals waren – nicht wirklich zu schätzen wussten. Heute, da Kleidung uniform und billig ist, hätten wir ihre Werke bestimmt mit mehr Respekt behandelt.

Sich Aenne Burda zu nähern, war ein spannender Prozess. Ich habe alles über sie gelesen, was ich finden konnte, habe Menschen getroffen, die mit ihr und für sie gearbeitet haben oder sie privat kannten. Durch meine Recherchen und die Gespräche habe ich gelernt, dass Aenne Burda nicht nur erfolgreich war, weil sie eine gute Idee zur richtigen Zeit hatte, sondern weil sie diese Idee mit unbändiger Energie und Konsequenz umgesetzt hat.

Es sind so viele Geschichten über diese besondere Frau in Umlauf. So soll sie mit Telefonbüchern geschmissen haben, wenn ein Bote die Rechnungen brachte. Es wurde mir erzählt, dass sie, damals schon über 70, Menschen aus dem Aufzug gestoßen hat, weil die sich nicht an ihre Regeln gehalten haben. Aber es gibt auch die Geschichte über einen Porsche, den sie ihrer engsten Mitarbeiterin einfach so vor den Verlag gestellt hat. Und heute noch lächeln Menschen, wenn sie davon berichten, wie laut, wie mitreißend ihr Lachen gewesen ist.

Sie war auf ihrem Weg an die Spitze aggressiv, laut, wild und unberechenbar. Aber auch charmant, großzügig und witzig, loyal und kreativ. Und sie war leidenschaftlich, als Frau und als Chefin. Für diese Mischung wurde sie geliebt und respektiert, von dem einen oder anderen sogar gefürchtet.

Um wirklich zu verstehen, was Aenne Burda erreicht hat, muss man sich vor Augen führen, in welcher Zeit die Anfänge ihres Verlages lagen: Frauen hatten selten ein eigenes Konto. Wenn sie arbeiten wollten, mussten sie ihre Männer um Erlaubnis bitten. Die arbeitende Frau war – vor allem in gehobenen Kreisen – die absolute Ausnahme. Doch genau zu diesen Kreisen wollte Aenne Burda schon seit frühester Jugend gehören.

Durch die Ehe mit Franz hat sie das geschafft, durch ihren eigenen Erfolg hat sie die Enge Offenburgs hinter sich gelassen und die Welt erobert! Sie hat ihre eigenen Regeln definiert und nach ihnen gelebt. Als Unternehmerin. Und als Frau. Ihre Ehe mit Franz kombinierte sie mit einer leidenschaftlichen Beziehung zu ihrem sizilianischen Liebhaber. Was die Leute über sie sagten, war ihr egal, Aenne war frei.

Eine solche Figur ehrlich und kraftvoll zu zeichnen und sie dennoch sympathisch und nahbar zu machen, ist eine Herausforderung. Aenne hatte Sehnsüchte und Wünsche, aber sie ist von ihrem Mann Franz mit all seinen Affären und Beziehungen so oft enttäuscht worden, dass sie diese weiche Seite nicht mehr zulassen konnte und wollte. Aenne Burda hat mal gesagt, dass ihr Leben weiter in den bekannten Bahnen verlaufen wäre, wenn Franz sie nicht betrogen hätte. Da stelle ich mir als Autorin in diesem Moment die Frage, ob nur Unglück kreativ macht und welch‘ ungehobene Schätze in uns schlummern, die wir alle viel zu glücklich und zufrieden sind ...

Während meiner Arbeit an den Büchern habe ich eine Frau kennengelernt, die ich bewundere. Die Freiheit, die Aenne Burda gelebt hat, die Entscheidung, nicht mehr anderen gefallen oder deren Erwartungen entsprechen zu wollen, sondern stolz auf sich und das durch eigene Kraft Erreichte zu sein, dieses Selbstbewusstsein macht sie für mich zu einem Vorbild, das nichts an Aktualität verloren hat.

Ich nähe nun übrigens selbst nach Burda-Schnitten. Meine Tochter weigert sich, die Sachen anzuziehen. Vielleicht ändert sich das ja noch, wenn sie die Filme gesehen hat und dann weiß, was für eine Frau Aenne Burda war.«

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