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Brecht (2)

Das Einfache, das schwer zu machen ist

New York 1944. Mit seiner dänischen Geliebten Ruth Berlau, die ihn auf dem ganzen Weg seines Exils von Dänemark über Schweden und Finnland bis nach Amerika begleitet hat, arbeitet Brecht an seinem Stück "Der kaukasische Kreidekreis". Erst zehn Jahre später wird er es aufführen können, in Ost-Berlin, im Theater am Schiffbauerdamm. | Bild: WDR

New York 1944. Mit seiner dänischen Geliebten Ruth Berlau, die ihn auf dem ganzen Weg seines Exils von Dänemark über Schweden und Finnland bis nach Amerika begleitet hat, arbeitet Brecht an seinem Stück "Der kaukasische Kreidekreis". Erst zehn Jahre später wird er es aufführen können, in Ost-Berlin, im Theater am Schiffbauerdamm.

Ost-Berlin, Januar 1949. Ein letztes Gespräch vor der Premiere von "Mutter Courage und ihre Kinder" in Helene Weigels Garderobe im Deutschen Theater. Brecht ist, wie immer vor einer Premiere, besorgt und unsicher, wie die Zuschauer das Stück aufnehmen werden. Ein Stück, in dem sie sich selber und ihre Haltung zum Krieg wiedererkennen sollen. Helene Weigel, die für die Titelrolle zum ersten Mal seit 16 Jahren wieder in Deutschland auf einer Bühne steht, versucht ihn zu beruhigen.

Am Deutschen Theater gastiert Helene Weigel als Mutter Courage. Auf ihrem Marketenderwagen singt sie ihr Lied, um mit den Soldaten ins Geschäft zu kommen. Ihre stumme Tochter Kattrin, gespielt von Angelika Hurwicz, begleitet sie auf der Mundharmonika. Am Ende des Stücks wird Kattrin tot sein, auch ihre beiden Söhne wird die Courage durch ihr Geschäft mit dem Krieg verlieren. Noch ist sie aber voller Hoffnung auf fetten Profit, wenn jetzt, nach dem Winter, der Feldzug endlich weitergeht und die Soldaten gutes Schuhwerk brauchen werden. "Das Frühjahr kommt. Wach auf, du Christ! / Der Schnee schmilzt weg. Die Toten ruhn. / Und was noch nicht gestorben ist, / Das macht sich auf die Socken nun."

Berlin, Chaussestraße 125. Als ihn sein alter Freund, der Bühnenbildner Caspar Neher, besucht, zeigt Brecht ihm die Szenenbilder aus der langen Zeit ihrer gemeinsamen Arbeit. Kann man da, trotz aller Fronten im Kalten Krieg zwischen Ost und West, nicht wieder anknüpfen?

Bertolt Brecht hat sich gerade von seinem Freund, dem Bühnenbilder Caspar Neher, verabschiedet. Es war ein langes, tiefes Gespräch zwischen ihnen. Nachdenklich schaut er Cas nach. Ob man noch einmal zusammen arbeiten wird? Ob man vielleicht auch einmal Zeit haben wird für ein freundschaftliches Beisammensein jenseits der Arbeit? – Es wird zu keiner Begegnung der beiden mehr kommen, wenige Monate später ist Brecht tot.

Ost-Berlin 1950. Im Probenhaus des Berliner Ensembles probt Brecht "Der Hofmeister", eine Komödie von J. M. R. Lenz aus der Zeit des Sturm und Drang. Brecht hat die Geschichte vom Hauslehrer, der sich buchstäblich kastriert, um seine Anstellung behalten zu können, bearbeitet. "Gebrochen ist sein R・kgrat. Seine Pflicht / Ist, dass er nun das seiner Sch・er bricht." Ein abschreckendes Beispiel für die "Knechtseligkeit", den Untertanengeist, die "deutsche Misere", die es aufzugraben und zu bekämpfen gilt.

Brecht hört Galileis Selbstanklage, wie sie Charles Laughton 1947 für ihn in New York auf eine Schallplatte gesprochen hat. Aus Angst vor der Folter hat Galilei sein revolutionäres Wissen über das neue Weltbild widerrufen und den Autoritäten, zum Gebrauch oder Missbrauch überlassen. Insgeheim aber hat er weitergeforscht. Rechtfertigen seine neuen Ergebnisse den voraufgegangenen Verrat? Lieber befleckte Hände als leere? Diese Frage muss jedes Mal neu vom Publikum beantwortet werden, sagt Brechts Meisterschüler B. K. Tragelehn.

Ost-Berlin 1950. Im Probenhaus des Berliner Ensembles probt Brecht "Der Hofmeister", eine Komödie von J. M. R. Lenz aus der Zeit des Sturm und Drang. Brecht hat die Geschichte vom Hauslehrer, der sich buchstäblich kastriert, um seine Anstellung behalten zu können, bearbeitet. "Gebrochen ist sein Rückgrat. Seine Pflicht / Ist, dass er nun das seiner Schüler bricht." Ein abschreckendes Beispiel für die "Knechtseligkeit", den Untertanengeist, die "deutsche Misere", die es aufzugraben und zu bekämpfen gilt.

Berlin, Sommer 1953. Isot Kilian, Wolfgang Harichs Frau und seit Jahren Mitarbeiterin am Berliner Ensemble, hat sich entschlossen, auf Brechts Werbung einzugehen. Sie sollte entscheiden, wie nah sie einander sein wollen – dieses Einverständnis braucht er. Nun ist sie da. Eine neue Liebesgeschichte beginnt, Brechts letzte Liebe in einem langen Reigen. Ise ähnelt seiner ersten Geliebten, der Paula.

Moskau, Swerdlow-Saal des Kreml, 15. Mai 1955. "Erst nach dem Sieg des Proletariats über den räuberischen Kapitalismus ist die Voraussetzung für den Völkerfrieden gegeben." Brecht hat den Stalin-Friedenspreis bekommen. In seiner Dankesrede lobt er die friedliche Entwicklung der sozialistischen Staaten, nach draußen wie auch im Innern. "Mit der Sowjetunion, China und anderen Staaten ist schon jetzt ein Viertel der Welt befreit und befriedet. Hier sind neue, friedliche Gesellschaften entstanden ..." Das ist seine Hoffnung im Angesicht eines drohenden Atomkriegs.