Interview mit Drehbuchautor Bernd Lange

Eine große Liebe: Walter Proska (Jannis Niewoehner) und Wanda (Malgorzata Mikolajczak).
Allein auf Patrouille, begegnet Proska der Partisanin Wanda wieder. Sie geben sich in den Wirren des Krieges für einen kurzen Augenblick ihren leidenschaftlichen Gefühlen hin und verlieben sich ineinander. | Bild: NDR / Dreamtool Entertainment

»Siegfried Lenz teilt mein Grundgefühl, dass es eine "Stunde Null" nicht gegeben hat.«

Der letzte Teil des Romans "Der Überläufer" ist ein Fragment geblieben. Hat Ihr Drehbuch den Roman gewissermaßen vollendet?

Florian Gallenberger und ich haben den Roman als Drehbuch adaptiert. Den detailliert ausgearbeiteten Teil haben wir versucht, in allen seinen Facetten ins Drehbuch zu übertragen. Trotzdem muss man sich auch hier Freiheiten im Rahmen der Bedürfnisse nehmen, die sich bei einer Filmproduktion stellen. Im letzten Drittel wirkt der Roman skizzenhafter, und es ging vor allem darum, die wahrscheinliche Intention von Lenz zu wahren.

Haben Sie ganze Erzählstränge weitergeführt?

Im Sinne von durchgehenden Konflikten über die gesamte Erzählzeit haben wir uns erlaubt, die Figuren Kürschner und Stehauf weiterzuführen. Was wäre, wenn beide am Leben geblieben wären? Dadurch ergab sich für uns die Möglichkeit, die von Lenz im Roman erzählten inneren Konflikte Proskas zu veräußerlichen. Dass Wanda ‚verloren geht‘, ist sicherlich eher untypisch für eine Filmerzählung, hat jedoch im Menschwerdungsprozess von Proska eine besondere Bedeutung. Obwohl sie in der zweiten Hälfte des Films kaum anwesend ist, bestimmt die Sehnsucht nach ihr weitestgehend das Geschehen.

Sie haben die Geschichte bis in die 1950er-Jahre hinein fortgeschrieben.

Siegfried Lenz teilt mein Grundgefühl, dass es eine "Stunde Null" nicht gegeben hat. Obwohl das Nazi-Regime glücklicherweise endet, leben die Menschen weiter. Proska gehört einer Generation an, die die Bundesrepublik aufgebaut hat. Dieser Weg vom einfachen Wehrmachtssoldaten zum Aufbauhelfer eines neuen Staates hat mich fasziniert. Ich habe mich gefragt, wie lange Proska sich von den Ereignissen, die ihm widerfahren, vor sich hertreiben lässt, ab wann er sich politisiert und handelt.

Dieser frühe Roman aus dem Nachlass von Siegfried Lenz wird als Sensation gefeiert. Was zeichnet ihn aus?

Lenz hat diesen Roman aus seiner unmittelbaren eigenen Erinnerung an das Leben eines Soldaten geschrieben. Er ist kurz vor Ende des Krieges in Dänemark selber desertiert. Diese Authentizität ist auf jeder Seite spürbar. Zudem finde ich ihn in der Beurteilung der Entwicklung der beiden Staaten nach 1945 hellsichtig. Im Besonderen schätze ich, wie feinfühlig und glaubhaft er die Verbindung und Beziehung Proskas zu den Polen dargestellt hat, ohne etwas in dem Verhalten beiderseits zu beschönigen.

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