Interview mit Florian Gallenberger (Regisseur und Drehbuchautor)

Making Of: Florian Gallenberger (Regisseur).
Making Of: Florian Gallenberger. | Bild: NDR / Dreamtool Entertainment

»Wir haben bei den Dreharbeiten gespürt, wie sehr der Krieg noch heute in all unsere Leben hineinspielt.«

Ist das Thema Desertion in Deutschland ein ewiges Tabu?

In der Hierarchie der moralisch verwerflichen Archetypen steht der Deserteur auf der untersten Stufe. Wer zum Feind überläuft, wird aus einem starken Ur-Impuls heraus mit totaler Verachtung gestraft. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich hoffe, dass es unserem Film gelingt, diesen Reflex zu unterbrechen, weil es wichtig ist, genau hinzugucken: Aus welchem Grund wechselt ein junger Wehrmachtssoldat wie Walter Proska 1944 die Fronten? Die Zuschauer werden die Figur im besten Fall neu bewerten und erkennen, dass im Verhalten des Überläufers etwas Wertvolles und moralisch Überlegenes stecken kann.

Im zweiten Teil läuft der Soldat noch einmal über. Er flüchtet aus der sowjetischen Besatzungszone in den Westen. Sind beide Situationen vergleichbar?

Proska hängt keiner Ideologie an. Er orientiert sich an einem inneren moralischen Kompass, den er in jeder Situation neu ausrichten muss. Als er nach Kriegsende für die russische Kommandantur arbeitet, wird ihm bewusst: Das neue Regime hat zwar ein anderes Gesicht, ist aber wieder totalitär, was bedeutet, dass der Einzelne nichts zählt. Indem sich Proska in den Westen absetzt, versucht er, bis zum Schluss die moralische Hoheit zu behalten, obwohl er sich ja auf tragische Weise schuldig macht: Er tötet den Bruder seiner Geliebten und den Ehemann seiner Schwester. Und davon kann ihn keine Doktrin freisprechen. Siegfried Lenz spannt im Roman einen weiten erzählerischen Bogen vom Zusammenbruch Deutschlands bis zu den Anfängen der DDR. Das habe ich in einem Film nie zuvor gesehen. Wir haben die Geschichte sogar noch um einen Epilog erweitert, um zu erzählen, was aus den Figuren Mitte der 1950er-Jahre geworden ist.

Die Gefühle des deutschen Soldaten Walter für die polnische Partisanin Wanda überdauern den Krieg. Wie haben Sie ihre Liebe inszeniert?

Man denkt gemeinhin, im Krieg würde die Liebe nicht stattfinden. Ich glaube, das Gegenteil kann der Fall sein. Die Menschen leben in der Angst, schon morgen tot zu sein. Was sie jetzt nicht machen, geschieht vielleicht nie mehr. Daher haben wir die Geschichte so inszeniert, dass Wanda und Walter nicht lange fackeln, sondern sich schnell aufeinander einlassen. In einem sommerlichen Weizenfeld vereinen sie sich zum ersten Mal. Es ist ein Ort, den ich stark mit Polen assoziiere. Wir haben dem Schauplatz eine losgelöste, beinahe unwirkliche Atmosphäre verliehen. Die Liebenden sind für einen Moment aus der Realität des Krieges herausgenommen.

Im Film "unsere Mütter, unser Väter" wurde gezeigt, Antisemitismus war auch unter Partisanen verbreitet. Wie haben Sie den polnischen Widerstand dargestellt?

Über die Darstellung der Partisanen ist während der Drehzeit viel diskutiert worden. Es hat in Polen ja die verschiedensten Widerstandsgruppen gegeben. Unsere Kämpfer gehören zur Armia Krajowa, deren Mitglieder bis heute verehrt werden. Nun wünschte sich die polnische Seite, die Partisanen in einheitlicher Uniform wie eine nationale Armee aufmarschieren zu lassen, um das Soldatische zu unterstreichen. Wir haben bei den Dreharbeiten gespürt, wie sehr der Krieg noch heute in all unsere Leben hineinspielt. Mein polnischer Regieassistent erzählte mir von seinem Großvater, der als Partisan in den masurischen Sümpfen kämpfte. Der habe zeit seines Lebens keine Uniform getragen. Wir wollten unbedingt vermeiden, uns politisch vor einen Wagen spannen zu lassen, zugleich die nationalen Gefühle der Polen nicht verletzen. Am Ende stand ein guter Kompromiss: Die Partisanen tragen teils Uniform, teils zivile Kleidung, und sie sind mit deutschen und russischen Waffen ausgestattet, so wie es historisch korrekt ist. Dass ich polnisch spreche und mich dem Land sehr verbunden fühle, hat bei der Arbeit sicherlich auch nochmals geholfen.

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