Interview mit Jannis Niewöhner

Proska (Jannis Niewöhner) stößt zur Truppe um Willi Stehauf (Rainer Bock).
Proska stößt zur Truppe um Willi Stehauf. | Bild: NDR/Dreamtool Entertainment

Sie spielen den Überläufer Walter Proska. Ist er ein Held?

Ich sträube mich dagegen, ihn als Helden zu bezeichnen. Walter ist ein Getriebener, der nie zur Ruhe kommt. Als Soldat folgt er seinen Instinkten, die ihm sagen, was nötig ist, um zu überleben. Warum läuft er zur Roten Armee über? Weil man ihn sonst exekutiert. Er hat keine andere Wahl. Das Gewissen schaltet sich erst später ein. Dann ist es ein ewiger Zustand zwischen dem Gefühl, falsch gehandelt zu haben, und dem Wissen, dass er nichts anderes tun konnte. Auf seine Art ist Walter eine reine Seele geblieben, mit einem sicheren Gespür dafür, was menschlich ist und was nicht. Vielleicht ist er ein Vorbild, weil er sich in extremen Situationen treu bleibt.

Ist es schwierig, jemanden zu spielen, der so unentschlossen ist?

Natürlich ist es einfacher, eine Figur zu spielen, die klare Ansichten hat und klare Entscheidungen trifft. Das ist bei Walter anders. Die Ereignisse treiben ihn vor sich her und zwingen ihn, sich in jeder Situation neu zu verhalten. Was ist richtig, was ist falsch? Er muss immer wachsam sein. Man kann in seinem Gesicht lesen, wie ihn Zweifel und Gewissensbisse plagen. Pflichterfüllung und Gehorsam sind tief in ihm verwurzelt, aber mit der Zeit wird ihm bewusst, dass sie keine Gewähr dafür sind, auf der Seite der Guten zu stehen. Erst zum Schluss ergreift Walter eindeutig Partei, aber nicht für einen neuen Staat oder eine andere Ideologie, sondern für die Liebe und die Freundschaft, für Werte, die der Krieg nicht zerstören kann. Das ist eine starke Botschaft, an die ich glaube.

Fühlt sich die Liebe im Krieg anders an?

Wanda und Walter begegnen sich anfangs mit einer gewissen Härte und Rohheit. Es herrscht ständiges Misstrauen zwischen ihnen. Sie flirtet mit ihm, um eine Bombe im Zug zu deponieren, der ihn an die Front bringen soll. Er zeigt offen bis zur Übergriffigkeit, wie sehr er sie begehrt. Ich kann gut nachvollziehen, dass es im Krieg schnell funkt. Es könnte ja die letzte Gelegenheit sein, sich einem anderen hinzugeben. Bei ihrem Wiedersehen entwickelt sich daraus eine Liebe, die ihn nicht mehr loslässt und die der Film sehr romantisch inszeniert. In dem Moment, in dem sie sich vereinen, scheinen sie der Welt entrückt zu sein, bereit, alles um sich herum zu vergessen.

Gibt uns dieser Stoff heute noch etwas?

Ich empfinde es so: Ich weiß für mich, was gut oder schlecht ist. Ich kann es moralisch beurteilen. Ich sehe aber auch, dass ich in einem System lebe, das für viele schlimme Sachen verantwortlich ist, die auf der Welt passieren. Ich stecke also mit drin und schaffe es nicht, mich dieser Verantwortung gänzlich zu entziehen. Was ist nun die Konsequenz daraus? Hier hat „Der Überläufer“ etwas Beispielhaftes. Er zeigt, wie ein Mensch mit sich ringt, sich in einem riesengroßen, unübersichtlichen Chaos richtig zu verhalten und anständig zu bleiben. Für mich ist die Geschichte brandaktuell.

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