Interview mit Małgorzata Mikołajczak

Partisanin in den polnischen Sümpfen: Wanda (Malgorzata Mikolajczak).
Partisanin in den polnischen Sümpfen: Wanda. | Bild: NDR/Dreamtool Entertainment

Frauen, die im Zweiten Weltkrieg mit dem Feind anbandelten, begingen in den Augen der Männer Landesverrat. Riskiert Wanda ihr Leben?

Sich auf den Feind einzulassen, ist ein absolutes Tabu gewesen. Wanda ist sich bewusst, dass sie sterben könnte, wenn entdeckt wird, dass sie sich auf einen deutschen Soldaten eingelassen hat. Ihre Liebe ist eine verbotene Frucht und vielleicht deshalb so verführerisch. Als Partisanin durchstreift sie die Wälder, so wie ein Raubtier, immer auf der Lauer, flinker und klüger als ihr Feind. Sie darf nicht zögern, wenn sie überleben will. Warum sollte sie schüchtern sein? Ihr Leben kann in jeder Minute enden, also greift sie sich, was sie will. Sie empfindet zum ersten Mal nach einem langen Krieg starke Gefühle und ist bereit, sich mitreißen zu lassen. Wenn sie sich hingibt, kommt der Krieg für einen Moment zum Stillstand.

Ist sie als Partisanin eine gefährliche Frau?

Wanda ist eine Soldatin. Sie ist in der Lage, viele Dinge zu tun, um ihr Land zu verteidigen und die Freiheit für das polnische Volk zu erkämpfen. Ist sie gefährlich? Ich finde, sie ist eine mutige und selbstbewusste Frau, die ihr Schicksal in die eigenen Hände nimmt. Wanda weiß ihre Schönheit einzusetzen, und sie verfügt über eine große Intuition. Sie nutzt diese Vorteile, um zu überleben.

Die Rote Armee rückt nach Westen vor. Polen kommt unter sowjetische Herrschaft. Was geschieht mit Wanda?

Wanda verliert fast alles, ihren Bruder, ihren Vater, ihre Heimat, die Kameraden, ihren Geliebten. Sie überlebt nur dank ihres Talents und tritt vor den Soldaten der Roten Armee als Sängerin auf. Sie wird zur Verräterin, weil sie keine andere Wahl hat. Man würde sie sonst wie die anderen Partisanen erschießen. Im Angesicht des Todes gibt es keine richtige oder schlechte Seite. Das Leben ist alles, was zählt. Ich glaube, sie ist immer noch eine Kämpferin, aber sie ändert die Art und Weise des Kampfes. Als sie herausfindet, dass Walter noch lebt, ist sie überwältigt. Sie liebt ihn so sehr, andererseits sieht sie ihre Liebe viel realistischer.

Vor 81 Jahren hat Deutschland ihr Land überfallen. Was verbindet Sie mit dieser Zeit?

Mein Urgroßvater hat im Zweiten Weltkrieg gegen die Deutschen gekämpft, und er hat diese schreckliche Zeit überlebt. Das Gedenken an die sechs Millionen Todesopfer in Polen – die meisten von ihnen waren Zivilisten – ist Teil unserer Geschichte und unserer nationalen Identität. In fast jeder Familie hat der Krieg tiefe Spuren hinterlassen. Auch meine Generation ist von diesem Krieg gezeichnet.

Kann ein solches Filmprojekt zur Aussöhnung beitragen?

Die polnisch-deutsche Zusammenarbeit beim „Überläufer“ hat sehr gut geklappt. Das polnische Team war größer als das deutsche. Unser Regisseur Florian Gallenberger versteht polnisch, und wir konnten gemeinsam über polnische Witze lachen, das hat die Zusammenarbeit leichter gemacht. Am Set haben wir alle Englisch gesprochen. Einige Mitglieder sind nach den Drehtagen zusammen in Urlaub gefahren. Mit Jannis Niewöhner hatte ich einen großartigen Partner an meiner Seite. Er war immer freundlich und offen. Es war ein großes Abenteuer für mich. „Der Überläufer“ war die beste Erfahrung meiner schauspielerischen Karriere.

Wie werden die polnischen Zuschauer den „Überläufer“ aufnehmen? Was wünschen Sie sich?

Ich kann nicht vorhersagen, wie die polnischen Zuschauer auf „Der Überläufer“ reagieren werden. Vor allem wünsche ich mir, dass unser Film in Polen gezeigt wird! Ich denke, die Geschichte ist eine von vielen Kriegsgeschichten, und sie zeigt die Polen nicht in irgendeiner Weise in einem schlechten Licht. Für mich geht es im Film um das Gute im Menschen, das in jedem von uns steckt. Aber nicht jeder hat den Mut, das Gute zu beschützen, schon gar nicht während des Krieges. Walter schafft es am Ende, sich nicht korrumpieren zu lassen. Er trifft eine Reihe von schlechten Entscheidungen, aber er will das Gute. In gewisser Weise wird er ebenfalls ein Opfer des Krieges. Warum sollten wir die Geschichten nicht so erzählen, wie sie sich vermutlich ereignet haben?

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