Interview mit Prof. Dr. Sönke Neitzel

Professor für Militärgeschichte/Kulturgeschichte der Gewalt an der Universität Potsdam

Halten in den polnischen Sümpfen die Stellung: Stehauf (Rainer Bock), Bafi (Bjarne Mädel), Zacharias (Florian Lukas).
Proska überlebt, befreit sich aus den Trümmern und wird von einem Trupp deutscher Soldaten aufgegriffen. Er wird ihrer kleinen Einheit zugeteilt, die in den Sümpfen von Rokitno die Bahnstrecke überwachen soll und sich in einer Waldfestung verschanzt hat. Ein verlorener Posten.  | Bild: NDR / Dreamtool Entertainment

»Noch im Kalten Krieg herrschte die Meinung vor, wer als Soldat das Leben seiner Kameraden gefährdet, weil er zum Beispiel Stellungen preisgibt, ist ein Verräter.«

Siegfried Lenz erzählt in seinem Roman von einem Deserteur, der in Polen zur Roten Armee überläuft und bei der sowjetischen Frontpropaganda eingesetzt wird. Ist das Szenario realistisch?

Es hat solche Desertionen gegeben. Die Frontkommandos des Nationalkomitees Freies Deutschland bestanden aus deutschen Kriegsgefangenen, Überläufern und kommunistischen Emigranten. Sie wurden von der Roten Armee häufig in vorderster Linie eingesetzt, um Wehrmachtssoldaten über Lautsprecheransagen zur Kapitulation aufzufordern. Die DDR feierte die Mitglieder des Komitees später als Helden, auch wenn ihre Missionen wenig erfolgreich waren. In der jungen Bundesrepublik wurde ihre Agitation dagegen als Verrat betrachtet. Deswegen hat sich der Verlag Hoffmann und Campe damals nicht getraut, den Roman zu veröffentlichen. Welcher Leser sollte sich Anfang der 50er Jahre mit solchen Abweichlern identifizieren? Mittlerweile ist der Inhalt natürlich nicht mehr umstritten, er wirkt fast selbstverständlich. Die Hauptfiguren sind gegen den Krieg und stellen sich gegen das NS-System. Anstößig wäre heute ein Roman über einen Soldaten, der das Kämpfen und die Aufregung der Schlacht liebt. Das käme der Realität des Zweiten Weltkriegs zwar noch näher, aber wahrscheinlich würden Verlage ein solches Manuskript aus denselben "stofflichen Gründen" ablehnen, die sie einst gegen den "Überläufer" aufboten. Siegfried Lenz war seiner Zeit mit diesem Roman um Jahrzehnte voraus.

Im Roman bewegt der Soldat Walter Proska Kameraden zur Aufgabe. Die Männer werden erschossen. Hat sich Proska schuldig gemacht?

Mit diesem Begriff würde ich niemals arbeiten. Unter heutigen Historikern hat sich die Sicht durchgesetzt: Alle Soldaten, die einen Beitrag dazu geleistet haben, dass dieser wahnsinnige Krieg aufhört, standen auf der richtigen Seite. Wenn 1944 alle deutschen Soldaten zur Roten Armee übergelaufen wären, dann wäre der Krieg sofort vorbei gewesen. Das hat man in der bundesdeutschen Gesellschaft aber noch Jahrzehnte nach dem Krieg völlig anders gesehen. Deserteure galten beinahe unisono als Feiglinge.

Wer wurde als Verräter bezeichnet?

Noch im Kalten Krieg herrschte die Meinung vor, wer als Soldat das Leben seiner Kameraden gefährdet, weil er zum Beispiel Stellungen preisgibt, ist ein Verräter. In der Bonner Republik gab es eine lange Diskussion über die Frage, ob man den Wehrmachtoffizier Hans Peter Oster als eine zentrale Persönlichkeit des militärischen Widerstands gegen das NS-Regime ehren soll. Als Oberst der Abwehr hatte Oster dem niederländischen Militärattaché den Angriffstermin auf die Beneluxländer und auf Frankreich verraten – und damit das Leben deutscher Soldaten aufs Spiel gesetzt. Anders liege der Fall bei Henning von Tresckow oder Claus Schenk Graf von Stauffenberg, wie es damals hieß: Sie hatten versucht, Adolf Hitler zu töten, aber nicht mit dem Feind zusammengearbeitet. Diese Unterscheidung wird heute nicht mehr vorgenommen.

Sind die Motive der Deserteure bekannt?

Es hat in der Wehrmacht 30.000 Deserteure gegeben, überwiegend im Westen. Die meisten Soldaten sind Ende des Krieges desertiert, zu einem Zeitpunkt, als die Institutionen des NS-Staates zusammenbrachen. Für die einen war es Fahnenflucht, die anderen begaben sich freiwillig in Gefangenschaft, um ihr Leben zu retten. Oder sie sind einfach nach Hause gegangen, weil sie gesehen haben: Der Krieg ist verloren, wir werden auf die Schlachtbank geführt. Bei Kommunisten und Sozialdemokraten kamen politische Gründe dazu. Mehr als 18 Millionen Deutsche erfüllten ihre militärischen Aufgaben bis zum Schluss.

Sind Deserteure in der NS-Zeit besonders brutal bestraft worden?

Fahnenflucht war schon im Kaiserreich eine Straftat, und sie ist es noch im heutigen Militärrecht. Junge Männer, die nicht zum Wehrdienst antreten oder sich unerlaubt entfernen, wurden von der Militärpolizei verfolgt und bestraft. Der große Unterschied zur NS-Diktatur liegt im Strafmaß. Im Kaiserreich hat es 48 Hinrichtungen wegen Fahnenflucht gegeben, im Dritten Reich waren es 20.000.

Wer hat die Männer abgeurteilt?

Die meisten Fälle, die wir gemeinhin mit NS-Justizverbrechen verbinden, stammen aus der letzten Kriegsphase. In dieser Zeit ist vergleichsweise wahllos aufgehängt worden. Die Deserteure wurden von Standgerichten verurteilt, die den Namen nicht verdienten. Es fanden kurze Verhandlungen mit drei, vier Offizieren – falls überhaupt – statt, aber das Urteil stand vorher fest. Es kam zu Exzessen von Gewalt: Wer nicht spurte, wurde umgebracht.

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