Interview mit Rainer Bock

Willi Stehauf (Rainer Bock) führt ein grausames Regiment in den polnischen Sümpfen.
Willi Stehauf führt ein grausames Regiment in den polnischen Sümpfen.  | Bild: NDR/Dreamtool Entertainment

Sie spielen den Unteroffizier Willi Stehauf, der in Polen eine kleine Einheit der Wehrmacht anführt und seine Soldaten schikaniert. Ist er ein Sadist?

Ich versuche, solche Zuschreibungen möglichst zu vermeiden. Ist es denn wichtig zu wissen, was ihn zu seinen boshaften Spielen antreibt? Es ist wichtig zu zeigen, welche menschlichen Deformationen der Krieg hervorbringt. Stehauf ist in die extreme Situation des Krieges geworfen worden. Er ist ein Überlebenskampfschwein, und weil er in eine höhere Machtposition rückt, missbraucht er sie. So einfach ist das. Im Rausch der eigenen Wichtigkeit ist er plötzlich zu Dingen fähig, die hat er sich vorher nicht träumen lassen.

Steht Ihre Figur für die soldatischen Rituale einer vergangenen Zeit?

Es sind in den letzten Jahren doch viele Skandale bei der Bundeswehr publik geworden. Es hat Scheinerschießungen, Folterspiele und sexuelle Erniedrigungen gegeben – nur mal so zum Spaß und aus purer Langeweile. Sind die Soldaten, die für solche Exzesse verantwortlich sind, abgrundtief böse? Das glaube ich nicht. Im zweiten Teil unseres Films nimmt Willi Stehauf die Gefahren der Flucht auf sich, um seinen Sohn zu suchen, der in Köln vielleicht überlebt hat. Ich finde sein Verhalten zwar nicht übermäßig berührend, aber es zeigt doch, dass noch irgendetwas Menschliches in ihm steckt.

Von „Stauffenberg“ über „Lauf Junge lauf“ bis zur Serie „Das Boot“: Warum spielen Sie so häufig Wehrmachtsoffiziere und SS-Männer?

Ich bin seit meinem 14. Lebensjahr mit dieser Materie sehr eng vertraut. Das Thema treibt mich seit meiner Schulzeit um und es wird mich auch in diesem Leben nicht mehr verlassen. Nun wirke ich nicht in jedem Film mit, nur weil er in der Nazizeit spielt. Aber wenn das Projekt Hand und Fuß hat, dann sage ich gern zu, ganz unabhängig davon, wie groß die Rolle ist. Ich betrachte es als meinen Minimalbeitrag als Schauspieler zur Aufarbeitung der NS-Verbrechen. Wir haben in Polen so viel wiedergutzumachen. Es ist so viel, dass es uns niemals gelingen wird.

Was bedeutet es für Sie, in Polen Filme über die deutsche Besatzung zu drehen?

Es ist immer eine Zeit, die mich persönlich emotional stark fordert. Als der Film „Lauf Junge lauf“ 2013 in Warschau uraufgeführt wurde, habe ich darum gebeten, der Premiere fernbleiben zu dürfen. Weil ich mich für meine Rolle des SS-Offiziers geschämt habe. Ich wollte für diesen Auftritt nicht gefeiert werden. Zum Glück kam meine Grußbotschaft im Kino gut an. Während der Drehzeit für den „Überläufer“ habe ich in Krakau gewohnt und dort das Oskar-Schindler-Museum besucht. Eigentlich hatte ich geplant, auch Auschwitz zu besichtigen, doch dafür war ich seelisch zu erschöpft. Mitarbeiter aus unserem polnischen Team sagten mir, sie hätten keine Probleme mit uns Deutschen, wir würden uns wirklich intensiv mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Wenn ich ehrlich bin, hätte ich mit mehr Ressentiments gerechnet.

9 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.