Interview mit Sebastian Urzendowsky

Sebastian Urzendowski ist Wolfgang Kürschner.
Sebastian Urzendowski ist Wolfgang Kürschner. | Bild: NDR/Dreamtool Entertainment

Zwei Soldaten werden im Krieg zu engen Freunden. Was verbindet die Männer?

Beide sind in den polnischen Sümpfen den Schikanen des befehlshabenden Unteroffiziers ausgesetzt. Sie beginnen, mit der Gegenseite zu sympathisieren, weil dort die Feinde ihres Feindes stehen. Dass sie letztlich überlaufen, geschieht aus völlig unterschiedlichen Gründen. Während Walter Proska in russischer Gefangenschaft keine andere Wahl bleibt, als die Uniform zu wechseln, wenn er überleben will, trifft Wolfgang Kürschner eine politische Entscheidung. Er sieht in der Roten Armee den Befreier und damit die Chance auf ein neues, gerechtes Deutschland. Es ist ein faszinierendes Gespann, das wie Kopf und Herz funktioniert. Der schmächtige Akademiker Wolfgang denkt im großen Ganzen und verliert darüber seine emotionale Seite. Der Gefühlsmensch Walter handelt danach, was er in einer unmittelbaren Situation als richtig empfindet. Aber er schafft es nicht, sich von dem soldatischen Eid zu lösen, der es ihm verbietet, seine Kameraden zu verraten.

Warum verrät Kürschner ihre Freundschaft?

Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes entwickelt sich Wolfgang zu einem zweiten Antagonisten. Er wandelt sich vom Opfer zum Täter, weil er der nächsten Ideologie erliegt. Er will Walter auf seine Seite ziehen, der die ausgestreckte Hand immer wieder ausschlägt, bis Wolfgang sich gezwungen sieht, ihn wegen antikommunistischer Umtriebe verhaften zu lassen. Er opfert die Freundschaft der Politik. Aber Wolfgang ist nicht bloß der eiskalte Apparatschik, sondern ein tief verletzter Mensch. Der Faschismus hat ihm seine Eltern genommen. Er handelt mit reinem Gewissen.

Was interessieren uns heute die Gewissennöte deutscher Soldaten anno 1944?

Jeder gerät einmal in Gewissenskonflikte. Das fängt im Kleinen an. Unsere Gesellschaft ist heute so stark polarisiert, dass durch Freundeskreise und Familien teilweise tiefe Risse gehen. Im Alltag frage ich mich manchmal, soll ich mich auf ein Streitgespräch einlassen, meinem Gewissen folgen und nachbohren: Wie kann es sein, dass du so denkst, sprichst und wählst? Oder beiße ich mir auf die Zunge, damit die liebe Seele Ruhe hat? Auf der großen Bühne könnte man im Whistleblower das moderne Äquivalent zum Überläufer sehen. Wie viel Überwindung und Kraft muss es beispielsweise einen Polizisten kosten, der in seiner Behörde rechtsextreme Umtriebe anprangert und dafür als Verräter beschimpft wird? Mein Großvater, der im Krieg war, sagte einmal: Jeder mag den Verrat, aber keiner den Verräter. Walter und Wolfgang werden selbst auf der russischen Seite dafür verachtet, die Uniform gewechselt zu haben. Es ist ein Stigma, das sie nie mehr loswerden.

Die deutschen Soldaten wurden in den masurischen Sümpfen auch von Mückenschwärmen zermürbt. Sind Sie verschont geblieben?

Wir sind im Vorfeld in ellenlangen E-Mails vor Mücken und Zecken gewarnt worden. Dann mussten wir uns alle impfen lassen. Beim Drehen war es halb so wild. Um mich nachts vor Mücken zu schützen, war die Uniform sehr praktisch.

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