Interview mit Produzent Stefan Raiser

Making Of: Kulisse des Internierungslagers mit Schnee.
Making Of: Kulisse des Internierungslagers mit Schnee. | Bild: NDR / Dreamtool Entertainment

»Dieses Projekt konnte schon wegen des Inhalts nur als gemeinsame deutsch-polnische Verfilmung gelingen.«

Wie haben Sie sich die Filmrechte am Roman "Der Überläufer" gesichert?

Meine Frau machte mich auf diese Literatursensation aufmerksam. Ich habe den Roman am gleichen Wochenende verschlungen, montags das Lenz Team kontaktiert und parallel Autor Bernd Lange die Lektüre ans Herz gelegt. Gemeinsam haben wir eine Vision für die Verfilmung entwickelt und viele intensive Gespräche mit den Rechtegebern geführt.

Mit welcher filmischen Idee haben Sie die Rechteinhaber überzeugt?

Neben den offensichtlichen Themen war in meiner Vorstellung spezifisch, dass die Geschichte der unmöglichen Liebe zwischen dem Wehrmachtssoldaten Proska und der polnischen Partisanin Wanda ein tragendes Element darstellen sollte. Dafür galt es, sich vom Roman, im Sinne von Lenz, ein Stück weit zu lösen, diesen Strang auszuerzählen und ihm mehr Raum zu geben. Einen solchen Stoff für ein großes Publikum zu verfilmen, erschien mir heute wichtiger denn je. Populisten, EU-Feinde, Rechts- und Linksradikale sind auf dem Vormarsch, obwohl wir die Generation sind, die alles hat – Frieden, Freiheit und Prosperität. Ich wollte eine berührende Verfilmung schaffen, die auch daran erinnert, wie wichtig es ist, um diese Errungenschaften zu kämpfen, so wie Lenz selbst das wohl mit seinem Roman wollte.

Was begeistert Sie am Roman?

Ich hatte, genau wie der Drehbuchautor Bernd Lange, bis zu dem Zeitpunkt noch nie einen Lenz-Roman gelesen. Wie ein 25-jähriger Lenz so meisterhaft schreiben konnte, fasziniert mich. Statt einer Heldengeschichte erzählt der Roman, wie Walter Proska vom Mitläufer zum Überläufer wird. Proska ist Lenz, Lenz ist Proska, ein Jedermann wie du und ich, mit enormem Identifikationspotenzial.

Was bedeutet es Ihnen, dass sich das Polish Film Institute finanziell an Ihrem Film beteiligt hat?

Aus Deutschland heraus war die Verfilmung nicht zu finanzieren. Ich trug das gesamte Risiko. Die Summe von einer Millionen Euro aus Polen war essenziell. Wir waren die allererste Produktion, die im neu geschaffenen Cash- Rebate-Programm einen Antrag gestellt und eine Bewilligung erhalten hatte. Und das mit einem derart heiklen Thema in Zeiten des Europawahlkampfes. Über das Geld hinaus hat uns das Polish Film Institute leidenschaftlich unterstützt. Ich bin stolz darauf, wie dieses Miteinander gelungen ist.

Auf welche Resonanz ist die Geschichte in Polen gestoßen?

Kritisch beäugt wurde die Liebesgeschichte zwischen dem Wehrmachtssoldaten und der Partisanin, außerdem die Darstellung der Partisanen insgesamt. Wäre eine solche Liebe jemals möglich gewesen, und welche Rolle spielten die polnischen Partisanen gegen Kriegsende? Ausnahmslos jeder im überwiegend polnischen Team hatte den Roman gelesen, eine Einstellung zum Stoff, befragte Eltern und Großeltern. Ein solcher vitaler, kritischer Austausch ist ein unglaublicher Schatz für uns Filmemacher. Wir haben sehr viel voneinander gelernt.

2013 hat der Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter" unter nationalkonservativen polnischen Politikern Empörung ausgelöst. Befürchten Sie, dass sich der Fall wiederholen könnte?

Im Bewusstsein dieser Gräben habe ich von Anfang an versucht, Brücken zu bauen. Dieses Projekt konnte schon wegen des Inhalts nur als gemeinsame deutsch-polnische Verfilmung gelingen. Regisseur Florian Gallenberger und ich sind mit maximaler Offenheit auf polnische Mitarbeiter und Partner zugegangen. Polnische und deutsche Historiker arbeiteten Hand in Hand. Jeder war eingeladen, sich einzubringen. Alles wurde hinterfragt und kam zigfach auf den Prüfstand, bis zum kleinsten Knopf am Kostüm. Nach Abschluss der Dreharbeiten stand ich mit polnischen Mitarbeitern in Auschwitz und wir haben zusammen geweint. Ich habe Freunde fürs Leben gewonnen und schaue heute mit einem anderen Bewusstsein auf unsere gemeinsame Geschichte.

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