Gespräch mit Marion Kracht

(spielt Patrizia Norgaard)

Patrizia (Marion Kracht) ist auf der polnischen Seite.
Patrizia ist auf der polnischen Seite. | Bild: NDR/Razor Film / Oliver Feist

Vor mehr als 30 Jahren hat Patrizia Norgaard ihre kleine Tochter Ellen verlassen. Warum kehrt sie ausgerechnet jetzt nach Usedom zurück?

Ich glaube, dass sie sich das gar nicht so genau überlegt hat. Sie hat ihre Zelte in Argentinien abgebrochen, weil sie dort gesucht wurde und nun nicht genau wusste, wohin. Und so ist sie eher zufällig nach Usedom gekommen. Und hat eben auch zufällig von ihrem Enkel erfahren. Nun will sie wieder „andocken“. So, als ob nichts passiert wäre.

Patrizia entführt das Kind. Wieso tut sie ihrer Tochter das an? Wie tickt diese Frau?

Diese Figur bzw. ihre Wahrnehmung ist gestört. Sie leidet unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Patrizia hat nicht von langer Hand geplant, das Kind zu entführen. Sie entscheidet spontan, aus dem Moment heraus, dass sie den Jungen einfach bei sich haben möchte, und denkt sich irrigerweise: „Ach, so sehe ich dann auch meine Tochter wieder.“ Dass dieser „Plan“ völlig nach hinten losgeht und sich verselbstständigt, das hat sie natürlich nicht durchdacht. Sie ist in ihrer Wahrnehmung – wie sie als Person auf andere wirkt und wie sie die Welt wahrnimmt – massiv gestört. Das heißt, ihr Verhalten ist nicht mit normalem Maß zu messen.

Sie hat ein spezielles Verhältnis zu Karin Lossow. Was verbindet die beiden Frauen, was trennt sie?

Karin war die einzige wirklich gute Freundin in Patrizias Leben. Schon in ihrer Jugend zeigte sie Anzeichen einer Persönlichkeitsstörung. Sie empfindet eine Art Hassliebe zu Karin Lossow. Karin ist jemand, der ihrem Herzen sehr nahe ist, und gleichzeitig hasst sie sie, weil sie ihr quasi – in ihren Augen – ihre Tochter entfremdet und gewissermaßen „weggenommen“ hat. Aus Patrizias Perspektive hat sich Karin immer in den Vordergrund gespielt. Karins Leben, so glaubt sie, ist immer sehr gut verlaufen.

In der Folge „Langer Abschied“, der letzten Folge dieser Herbststaffel, sitzt Patrizia im Gefängnis. Ellen kommt sie dennoch besuchen. Was macht Patrizia aus dieser Chance, eine Beziehung zu der Tochter zu knüpfen?

Wie im Brennglas wird im Gefängnis ihre Persönlichkeitsstörung sichtbar. Sie glaubt, dass sie ganz normal bei ihrer Tochter wieder andocken und sogar, dass Ellen ihr da heraushelfen kann. Patrizia ist eine Frau, die immer versucht, ihre Mitmenschen zu manipulieren. Und zwar zu ihren eigenen Gunsten. Sie bildet sich ein, dass die Leute das nicht merken. Sie hat eine komplett falsche Wahrnehmung von ihrer Umgebung und auch von sich selbst. Das offenbart sich ganz besonders im Gefängnis. Patrizia ist vollkommen in ihrer Welt verfangen und glaubt ernsthaft, dass Ellen ihr die Hand reicht und sie aus dem Gefängnis holt.

Was bedeutet Ihnen diese außergewöhnliche Rolle?

Diese Rolle war für mich eine schöne Herausforderung. Eine Figur wie Patrizia zu spielen ist hochinteressant und zugleich eine schwierige Gratwanderung. Denn ich darf sie auf keinen Fall „verrückt“ oder gar „irre“ zeigen, indem ich vor der Kamera komplett durchdrehe oder etwa eine Fratze ziehe. Das wäre viel zu plump. Patrizia versteht es ja, Menschen für sich einzunehmen, sie fallen auf diese Frau rein. Sie zeigt Zuwendung – die in diesem Moment auch ganz ehrlich gemeint ist. Ein Trick, mit dem es ihr gelingt, Menschen zu manipulieren. Und die Leute fallen auf solche Personen immer wieder rein. Es gibt viele, manchmal auch sehr erfolgreiche Menschen, die – in verschiedenen Abstufungen natürlich – Züge einer narzisstischen Persönlichkeit zeigen. Bei Donald Trump haben Experten sogar bösartigen Narzissmus diagnostiziert. Ein Mann, der über Leichen geht und kein Gefühl dafür hat, was sein Verhalten bei anderen auslöst. Ich bin für die Rolle unendlich dankbar – und für den wunderbaren Regisseur Felix Herzogenrath, der mit mir gemeinsam diesen Weg gegangen ist und mich auf dem schmalen Grat gehalten hat, dass es eben nicht „irre“ wurde und gleichzeitig nicht völlig harmlos.

Wie haben Sie denn die Dreharbeiten auf Usedom erlebt?

Großartig. Usedom in der kalten Jahreszeit entfaltet einen besonderen Zauber. Ich habe mich sehr über die Zusammenarbeit mit dem Regisseur gefreut, mit dem Produzenten Tim Gehrke und natürlich mit meinen Kollegen und Kolleginnen – allen voran Katrin Sass. Wir sind uns zuvor noch nie begegnet. Natürlich kannte ich sie vom Bildschirm, sie ist eine wunderbare Schauspielerin. Wir haben uns auch privat gut verstanden, was mich persönlich sehr gefreut hat. Es war eine schöne Arbeit!

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