Natalia Wörner spielt Karla Lorenz

Karla Lorenz (Natalia Wörner, li.) trifft die russische Journalistin Ilka Smirnowa (Valery Tscheplanowa).
Karla Lorenz trifft die russische Journalistin Ilka Smirnowa. | Bild: ARD Degeto / Roland Suso Richter

Es ist der erste Einsatz für Karla Lorenz in Berlin – ist die Diplomatin glücklich darüber, in der Heimat zu arbeiten?

Die Tatsache, dass wir in Berlin drehten, ist Corona geschuldet. Wie in der letzten Pragfolge angekündigt, wurde Karla Lorenz nach Rom versetzt und dann kam COVID. Es war für uns zu planungsunsicher in 2020 – und auch in diesem Jahr – in Rom zu drehen. Rom muss somit noch ein bisschen auf Frau Lorenz warten oder umgekehrt: Rom, die ewige Stadt, ist ein Sehnsuchtsort geworden. Wir hoffen alle auf ein dolce Vita in 2022.

Was macht eine Diplomatin, die auf ihren nächsten Botschaftsposten wartet, in der Heimat?

Es gibt Stiftungen, Think Tanks, Fortbildung, Urlaub? Was für spannende Aufgaben gibt es für eine deutsche Botschafterin in Deutschland, die eigentlich in Rom sein sollte? Mit der Suche nach der Geschichte des Films und der Herausforderung für die Hauptfigur, ist die Frage verbunden: Was sind Karlas Stärken und Schwächen? Wie können wir ein emotionales Spannungsfeld schaffen und in welchen Aufgaben kann sie durch ihren Instinkt, ihren Gerechtigkeitssinn und mit ihrer Hartnäckigkeit glänzen oder scheitern?

Der Mord im Tiergarten war eine Zäsur im deutsch-russischen Verhältnis, die Hacks im deutschen Bundestag eine Tatsache und, dass wir in diesem Jahr Bundestagswahl haben, war gesetzt. Wir haben uns also für diese Geschichte entschieden, sie geschrieben und dann gedreht noch bevor der Fall Nawalny – und andere Ereignisse, die diesen Film nach dem Entwicklungs- und Produktionsprozess in eine Aktualität setzen – geschah. Diese Entwicklungen konnten wir nicht antizipieren.

Wir erleben Karla Lorenz in ihrer Berliner Umgebung und in der Beziehung zu Jan Horava nahbarer als in den Filmen zuvor – die Rolle zeigt neue Facetten der Diplomatin. Gefällt Ihnen die emotionalere Karla Lorenz?

Ich finde Karla Lorenz war schon immer emotional, um nicht zu sagen impulsiv. Auch in anderen Filmen ist sie aufgrund ihres Gerechtigkeitssinns auch beruflich zuerst ihrem Instinkt und ihren Emotionen gefolgt und nicht gesetzten politischen Strategien, einer kalkulierbaren Verhaltensweise oder dem Protokoll, sollte man einen Abgleich mit der Realität in diesem Aufgabenfeld wagen wollen.

Das ist der berühmte Unterschied zwischen Fiktion und Fakten, zwischen dem Möglichen und der kreativen Freiheit in einem Feld zu walten, das in der Realität anderen Gesetzen unterworfen ist.

Sicherlich richtig ist, dass wir in diesem Film mehr von ihrem privaten Leben mitbekommen, das macht Karla nahbarer: Die Zuschauer werden mit in Karlas Wohnung genommen. Die Beziehung zu Jan Horava wird intensiver erzählt, vom alltäglichen Frühstück bis zur Umgangsweise mit Krisen wie der Obhut eines gefährdeten Kindes. Und besonders im Umgang mit Manja muss Karla jede professionelle Distanz ablegen, dadurch lernen wir eine einfühlsame und verletzliche und streckenweise überforderte Karla Lorenz kennen.

Die „private“ Karla ist aber auch eng mit Berlin verknüpft, ihrer Heimat. Hier kennt sie sich aus, nimmt ganz selbstverständlich jede Abkürzung und läuft auch mal querfeldein durch den Tiergarten und fährt mit dem Fahrrad zum Bäcker…

Auch im politischen Berlin gibt es Abkürzungen – unsere führten uns eben direkt in die russische Botschaft und damit in eine Verknüpfung von persönlichen und beruflichen Verbindungen, die diese Geschichte für Karla besonders kompliziert macht, denn auch hier sind die aktuellen Umstände und persönlichen Herleitungen erstmal anders als es für sie scheint. Es muss im Leben das eine, berühmte Prozent Unordnung geben, sonst gibt es keine Bewegung

Auch beruflich ist sie in „Mord in St. Petersburg“ nur ein Teil eines Teams mit anderen Hierarchien: Es gibt keine Botschaftswagen, keine Mitarbeiter, die ihr zuarbeiten. Es gibt den Apparat des Auswärtigen Amtes und der ist ja bekanntlich groß, mächtig und hermetisch. Sie ist ein bisschen ein Lone Ranger im heimischen Raubtierbecken.

Die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland sind auch in „Die Diplomatin – Mord in St. Petersburg“ schwierig. Kann die Diplomatin in diesem Umfeld überhaupt etwas ausrichten?

Karla sieht nicht schwarz oder weiß: für sie sind Gerechtigkeit und Wahrheit wichtig. Sie konzentriert sich auf die Frage der juristischen Aufarbeitung der vermeintlichen Straftat ihres Kindheitsfreundes Nikolaj Petrow. Die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland dienen dabei als Katalysator. Dass diese Beziehungen durch viele turbulente Zeiten gewachsen sind und nicht nur schwierig sind, ist genauso wahr, wie die Tatsache, dass sich in den letzten Jahren deutlich verschlechtert haben.

Die Reihe steht für eine kritische Auseinandersetzung mit dem politischen Alltag und politischen Themen. Und manchmal ist die Realität schneller als die Fiktion.

Sie engagieren sich persönlich stark für das Thema „Female Empowerment“ – inwieweit ist Karla Lorenz dafür auch eine wichtige Rolle?

Im Leben wie in der Kunst braucht es sichtbare Vorbilder und das gilt für alle Geschlechter, Kulturen und Hintergründe. Natürlich möchte ich aus dem Selbstverständnis meiner Generation heraus Möglichkeiten ausschöpfen und starke Frauen in machtvollen, verantwortungsvollen Positionen erleben und Karla Lorenz ist in ihrem Feld auch so eine Schwester im Herzen geworden.

Im Moment fahren wir doch langsam aus dem Corona-Tunnel hinaus und haben alle in den letzten 19 Monaten unser Leben streckenweise neu kalibriert. Frauen haben während der Pandemie sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht und waren streckenweise die Verliererinnen dieser Krise. Doppel-, Dreifachbelastungen, Familie, Beruf und eigene Bedürfnisse unter einen Hut zu bekommen, war und ist der Alltag der meisten Frauen, die ich kenne.

Ich erlebe auch eine berechtigte Wut von sehr unterschiedlichen Frauen die jetzt realisieren, dass es noch ein langer Weg zu einer gerechteren Gesellschaft ist, in der wir nicht mehr über Geschlechtergerechtigkeit diskutieren, Equal Pay einfordern und gegen Gewalt gegen Frauen kämpfen müssen.

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