"Dieser kühne Lebensentwurf hat mich fasziniert"

Interview mit dem Hauptdarsteller Edgar Selge

Edgar Selge als Otto Weidt
Edgar Selge als Otto Weidt | Bild: NDR / Vincent TV/Beate Waetzel

Die Rolle des Otto Weidt war sicher eine doppelte Herausforderung für Sie – eine historische Figur zu verkörpern und einen Blinden zu spielen. Wie haben Sie sich auf diese Aufgabe vorbereitet?

Die beste Vorbereitung zur Auseinandersetzung mit Otto Weidt ist natürlich Inge Deutschkrons autobiographischer Bericht "Ich trug den gelben Stern". Es ist so anschaulich und detailgenau aus der Perspektive des heranwachsenden Kindes geschrieben, dass man sich darin zu Hause fühlen kann wie in eigenen Familienerinnerungen. Kinder beobachten eben immer auf sehr nachvollziehbare Weise. Die erste Wohnung, aus deren Fenstern die Sechsjährige den Eingang einer berüchtigten Nazikneipe beobachtet, kann ich von meinem Balkon aus sehen, und ich bin der Autorin von hieraus in meiner Phantasie in alle Bezirke Berlins gefolgt, und die Menschen, denen sie begegnet und die sie beschreibt, erschienen mir wie entfernte Verwandte. So ging es mir auch mit Otto Weidt, dem sie in diesem und dem späteren Buch "Papa Weidt" ein anrührendes und doch gänzlich unsentimentales Denkmal setzt. Ob es sich dabei um eine historische oder eine erfundene Figur handelt, ist für den Schauspieler kein großer Unterschied: vertraut muss einem die Figur vorkommen, und das war nach dieser Lektüre einfach.

Wie war das für Sie konkret am Set, als Sehender einen Blinden zu spielen? Bei insgesamt nur 15 Drehtagen bleibt sicher nicht viel Zeit zum Ausprobieren. Hat das "Blindscheinen" Ihr Spiel intensiviert und inspiriert oder war es eher eine "Behinderung" beim Spielen?

Menschen mit einem körperlichen Leiden darzustellen, oder wie es korrekt heißt: Menschen mit besonderen Befähigungen, ist für mich immer inspirierend, gleich, ob es sich dabei um einen verlorenen Arm, eine halbseitige Lähmung, eine Sprachbehinderung oder das Blindsein handelt. Es ist gewissermaßen die sportive Seite meines Berufes. Und wenn man es schafft, sich in die spezielle körperliche Befindlichkeit hineinzufinden, hat man schon viel erreicht und kann sich beim Spielen ganz auf seine Partner und die jeweilige Situation konzentrieren. Vor Drehbeginn habe ich Jürgen Bünte, ein sehr engagiertes Mitglied des Sehbehindertenvereins in Berlin, besucht. Als er mir die Tür öffnete und mit seinen blinden Augen meinen Blick suchte und ihn nur haarscharf verfehlte, hatte ich das auffällige und für mich wichtige Detail erfasst: die besondere Art, wie Blinde ihr Gegenüber zu fokussieren versuchen.

Wie würden Sie Otto Weidt beschreiben? Was hat Sie an der Rolle fasziniert? Und worauf kam es Ihnen bei der Darstellung besonders an?

Otto Weidt war sein Leben lang ein Suchender. Er kam aus einfachen Verhältnissen, war gelernter Tapezierer, interessierte sich aber eigentlich für Literatur und engagierte sich in der anarchistischen Arbeiterbewegung. Er fühlt sich den gesellschaftlich Ausgeschlossenen und Stigmatisierten nah, ja zugehörig, und übernimmt für sie ungefragt und zunehmend Verantwortung. Er macht das so wie ein Abenteurer, der sich auf eine Reise ins Unbekannte begibt: voller Neugierde, Lebenslust, Witz und immer mit ganzem Einsatz. Dieser kühne und abenteuerliche Lebensentwurf hat mich am meisten fasziniert.

Otto Weidt
Otto Weidt | Bild: Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt

Welche persönlichen Erfahrungen nehmen Sie aus dem Dreh und der Verkörperung der Rolle des blinden Bürstenfabrikanten mit?

Wenn ich einen Film dieser Art mache, dann gibt mir das wieder Mut zu mir selbst. Ich mag wieder leben. Ich habe das Gefühl, ich bin nicht Nichts. Ich bin nicht ein Rädchen. Ich bin nicht anonyme Masse, sondern es kommt auf mich an. Es kommt auf den Einzelnen an. Und das gibt einem das Gefühl, dass das Leben etwas wert ist.

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