Interview mit Bjarne Mädel

Kommissar Peter Nadler (Bjarne Mädel) steht vor einer schweren Entscheidung.
Kommissar Peter Nadler steht vor einer schweren Entscheidung. | Bild: ARD Degeto/Moovie GmbH / Stephan Rabold

Herr Mädel, Kommissar Nadler verfügt über einen großen Erfahrungsschatz und kennt das Gesetz. Dennoch beschließt er, es eigenmächtig zu überschreiten. Warum wählt er diesen Weg und wie würden Sie Nadler beschreiben?

Er wählt diesen Weg aus der Überzeugung, durch diese Vorgehensweise das Leben eines Kindes retten zu können. Er wählt die Grenzüberschreitung, angetrieben von der Verzweiflung und der Traurigkeit, die ihn begleitet, nachdem er in seiner Laufbahn schon Menschen verloren hat, die als Geiseln in seinen Zuständigkeitsbereich fielen und die er nicht hat retten können. Er handelt auf jeden Fall nicht leichtfertig. Ich würde ihn als verantwortungsvoll, ernsthaft und empathisch beschreiben.

Der Fokus von "Feinde" liegt weniger auf einer ausführlichen Charakterstudie der Figuren, stattdessen soll die Figur, eine bestimmte Sichtweise auf das Thema provozieren. Wie nähert man sich als Schauspieler so einer Aufgabe?

Da es unmöglich ist, eine Sichtweise bzw. eine Idee oder Theorie zu spielen, nähert man sich wie sonst auch den konkreten Situationen, die man spielen darf. Je glaubwürdiger das gelingt, desto mehr Verständnis des Zuschauers erhofft man sich für die Sichtweise, die man als Figur vertritt. Dass die Figur des Polizisten hier für ein Gerechtigkeitsempfinden steht und dafür kämpft und die Rolle des Anwalts das Recht zu vertreten hat, war uns bewusst, aber im konkreten Spielvorgang denkt man nicht darüber nach. Aus den etwas holzschnittartig angelegten Figuren versucht man trotzdem in den Szenen, die man dafür zur Verfügung hat, echte Menschen entstehen zu lassen.

Was war für Sie schauspielerisch interessant an dieser Rolle?

Im Nadler-Film, der die Geschichte aus der Sicht meiner Figur erzählt, wird ein innerer Druck aufgebaut, der sich dann in der extremen Befragung des Verdächtigen entlädt. Diesen Bogen zu erspüren und zu gestalten, war eine Aufgabe, die mir Spaß gemacht hat. Und interessant war natürlich die Grenzüberschreitung selbst, aber auch die Dichte des Kammerspiels in der zweiten Hälfte beider Filme hat mich enorm gereizt. Meine Figur, die ja lediglich als Zeuge geladen ist, gerät in diesen 45 Minuten vor Gericht immer mehr unter Druck. Diesen zweiten Bogen an einem Platz zu spielen und mit Spannung zu füllen, war ebenfalls eine sehr interessante Herausforderung. Und selbstverständlich war es neben den Szenen mit Franz Hartwig vor allem auch die Zusammenarbeit mit Klaus Maria Brandauer, die mich gereizt hat.

Hat der Film Ihre eigene Sichtweise auf Polizeiarbeit und Rechtsprechung verändert?

Als Schauspieler liest man ein Drehbuch zunächst immer durch die Brille der eigenen Rolle, daher war ich mir sicher, dass das Verhalten des Kommissars zu 100 Prozent die Zustimmung der Zuschauer erwarten darf. Der Film zeigt mir, dass ein Verhalten emotional "richtig" sein kann und doch in einer rechtsstaatlichen Gesellschaft eben als "falsch" zu bewerten ist. Das hat meine Sichtweise nicht unbedingt verändert. Ich habe über dieses Phänomen vor dieser Arbeit nicht wirklich nachgedacht.

Haben Sie sich mit Ferdinand von Schirach zu dieser Rolle ausgetauscht?

Bei den Dreharbeiten war der Autor teilweise bei den Szenen im Gericht beratend anwesend. Das betraf aber mehr das Prozedere im Gerichtssaal und nicht die Gestaltung meiner Rolle.

Führen die Schlagzeilen der schnelllebigen Presse dazu, sich zu rasch eine eigene Meinung zu bilden?

Ich habe vor allem das Gefühl, dass die Überflutung der Medien mit ungeprüften Nachrichten und zweifelhaften Fakten dazu führt, dass gar kein echter Meinungsaustausch mehr stattfindet. Man hat seine Meinung zu bestimmten Themen und beharrt darauf. Und das extrem Reflexhafte der Daumenhoch-oder-Daumen-runter-Bewertung, die in den Sozialen Medien üblich ist, führt zu schnellen Meinungen, aber nicht dazu, dass man sich tatsächlich die Zeit nimmt, sich eine solche zu "bilden". Das Tolle an diesem Projekt ist ja unter anderem gerade, dass ein Diskurs beabsichtigt ist, stattfinden darf und man seine Meinung durchaus einmal in Frage stellen soll.

Sollten mehr Filme in dieser speziellen Art der Gegenüberstellung gedreht werden, wenn es um gesellschaftlich brisante Themen geht?

Eine Geschichte so konsequent aus zwei Perspektiven zu drehen, finde ich als Experiment sehr spannend. Das jetzt zum Prinzip zu machen und immer, wenn es "um was geht", zwei Filme zu drehen, fänd' ich dann wiederum sehr ermüdend.

Kann Kunst Vorurteile abbauen?

Kunst kann auf jeden Fall Vorurteile abbauen, da sie uns ermöglicht, unsere eigene Sichtweise zu hinterfragen und andere aufzuzeigen. Meinungen, Lebensweisen und Ideen, die uns fremd erscheinen, können uns durch Darstellungen der Kunst näherkommen und nachvollziehbarer werden, auch wenn wir sie vielleicht nicht teilen. Fremdenfeindlichkeit ist ja oft dort am ausgeprägtesten, wo gar keine Berührung mit Fremden stattfindet. Kunst kann uns aus der Enge des eigenen Kopfes befreien. Alles was ich persönlich bin und denke, habe ich zu großen Teilen auch der Kunst zu verdanken. Bücher, die ich gelesen habe, Theaterstücke und Filme, die ich gesehen habe, haben mein Denken und Fühlen maßgeblich beeinflusst. Daher ist Kunst für mich und mein System extrem relevant.

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