Interview mit Programmdirektor Volker Herres, ARD Degeto-Geschäftsführerin Christine Strobl und Produzent Oliver Berben

Die Villa der Familie von Bode.
Die Villa der Familie von Bode. | Bild: ARD Degeto/Moovie GmbH / Stephan Rabold

Herr Herres, erstmals in der Geschichte des deutschen Fernsehens wird mit "Ferdinand von Schirach: Feinde" ein Projekt gleichzeitig im Ersten sowie in allen Dritten Programmen der ARD ausgestrahlt. Wie ist die Idee zu diesem Konzept entstanden? Was versprechen Sie sich davon?

Volker Herres: Die Idee entstand bei der Constantin Film im Hinblick auf die enorme Reichweite, die Das Erste mit den Dritten Programmen gemeinsam für dieses Projekt erzielen kann. Es ist so naheliegend, zwei Filme mit unterschiedlichen Perspektiven zeitgleich zu senden, dass man sich wundert, warum dies nicht schon früher geschehen ist. So erfolgt diese historische Programmierung erstmals im 70. Jahr der ARD. Es ist ein spannendes Experiment. Wir versprechen uns davon größtmögliche Aufmerksamkeit für das zentrale, gesellschaftlich relevante Thema von Recht und Gerechtigkeit.

Bringen Sie damit nicht das Publikum in die Bredouille zu entscheiden, welchen Film es einschalten will?

Herres: Das Publikum trifft jeden Tag die Entscheidung für diesen oder jenen Sender, für dieses oder jenes Programmangebot. In diesem Fall kommt noch zusätzlich die bewusste Entscheidung hinzu, welche Perspektive man bei diesem Entführungsfall zunächst einnehmen möchte – die des Ermittlers im Ersten oder die des Juristen in den Dritten. Natürlich kann man sich zwischenzeitlich anders entscheiden. Es gibt tatsächlich auch Umschaltpunkte, aber wir wollen die Zuschauer nicht zum Zappen auffordern und bieten den jeweils anderen Film auch zu einem späteren Zeitpunkt oder in der ARD-Mediathek an. Um ein wirklich umfassendes Bild zur Thematik zu bekommen, muss man beide Filme sehen.

Wer von Ihnen hat denn entschieden, welcher Film wo ausgestrahlt wird und aus welchen Gründen?

Herres: Diese Entscheidung wurde uns durch die Art der Filme praktisch abgenommen. "Gegen die Zeit" mit der Perspektive des Ermittlers Peter Nadler alias Bjarne Mädel passt eben besser auf unseren "Tatort"-Sendeplatz. Die Zuschauerinnen und Zuschauer im Ersten bekommen einen hochspannenden Krimi präsentiert, das gewohnte Genre am Sonntagabend. Und die Dritten zeigen zeitgleich den nicht weniger attraktiven, vielleicht etwas nachdenklicheren Film "Das Geständnis" mit dem Blick durch die Brille des Strafverteidigers Konrad Biegler alias Klaus Maria Brandauer. Die Filme behandeln zwar inhaltlich den gleichen Kriminalfall, sie sind aber nicht nur sehr unterschiedlich in ihrer Ausrichtung und Perspektive, sondern auch in ihrer Färbung. Diese Farbgebung verleiht den Filmen einen ganz unterschiedlichen Charakter.

Frau Strobl, neben den beiden Filmen im Linearen – im Ersten und in den Dritten – wird es eine weitere, non-lineare Fassung in der ARD-Mediathek geben. Was kann das Publikum erwarten? Was ist hier geplant, was erwarten Sie sich davon?

Christine Strobl: Mit "Feinde" bieten wir dem Publikum ein einzigartiges Fernsehereignis auf mehreren Ebenen: Die beiden perspektivisch unterschiedlichen Filme und die Dokumentation werden sowohl im Linearen als auch in der ARD-Mediathek zur Verfügung stehen. Parallel zu diesem Angebot wird – und das hat es so noch nicht gegeben – für das Mediatheken-Publikum zusätzlich noch eine dritte Filmversion gezeigt. Dieser Film ist kürzer und zielgruppengenauer auf das non-lineare Publikum zugeschnitten, denn es konzentriert sich im Kern auf die Hauptverhandlung im Strafprozess und somit auf die Rechtsfrage. Damit entsteht ein völlig neues Produkt, das beide Perspektiven vereint und das den Sehgewohnheiten des Streaming-Publikums auch ästhetisch möglicherweise durch ihre kürzere Form viel näher ist.

Bei "Terror" und "Gott" haben Sie das Publikum aufgerufen abzustimmen. Bei "Feinde" nicht. Warum?

Strobl: Das Filmprojekt "Feinde" hat einen völlig anderen Ansatz. Es geht dabei nicht um eine klar zu beantwortende Frage wie z.B. "Schuldig oder unschuldig?" oder "Ist das Strafmaß gerecht?". Es geht um unterschiedliche Perspektiven. Und genau die zeigen wir dem Zuschauer. Die andere Perspektive bringt uns vielleicht erneut zum Nachdenken und wir hinterfragen möglicherweise unsere bis dahin getroffene Meinung. Diesem Gedankenexperiment werden wir formal gerecht, in dem wir zwei perspektivisch unterschiedliche Filme haben, mit zwei verschiedenen Hauptfiguren, mit unterschiedlichen Tonalitäten und Zeitebenen und mit klar unterscheidbaren Farbgebungen. Die Auseinandersetzung mit den beiden Perspektiven bieten wir unserem Publikum an – linear und non-linear. Ich bin sehr gespannt, wie das Angebot angenommen wird.

Herr Berben, das Projekt ist ein gesellschaftliches und moralisches Experiment. Die Zuschauer werden aufgefordert, ihre Meinungsbildung zu hinterfragen und sich mit "Recht" auseinanderzusetzen. Wie weit kann Kunst den gesellschaftlichen Diskurs beeinflussen?

Oliver Berben: Kunst kann ein Anstoß für gesellschaftliche oder auch politische Themen sein und damit den Beginn oder auch die Weiterführung einer Debatte fördern. Ziel von "Feinde" soll es sein, eben auch komplexere Themen anhand von klaren persönlichen Beispielen oder Schicksalen den Menschen näherzubringen und den Austausch darüber zu fördern. Die Kunst an sich kann und soll hier ein Teil sein, der eben diese Auseinandersetzung mit Fragen, die nicht immer nur mit schnellen und eindeutigen Antworten geliefert werden können, fördern soll.

Versuchen Sie mit diesem Experiment, eine größtmögliche Objektivität als Voraussetzung für eine öffentliche Diskussion zu schaffen?

Berben: Wir versuchen den Menschen ein wichtiges Thema in einer Art und Weise zu vermitteln, die es dem Zuschauer auch ohne Detailwissen erlaubt, trotzdem die Schwierigkeiten erkennen zu können, mit denen unsere Gesellschaft tagtäglich konfrontiert wird. Wenn daraus eine öffentliche Diskussion erwächst, ist das natürlich sehr gut.

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