Fragen an Nils Willbrandt (Regisseur / Autor) und Jan Ehlert(Produzent / Autor)

Lisa von Bode (Alix Heyblom) wird entführt.
Lisa von Bode wird entführt. | Bild: ARD Degeto/Moovie GmbH / Stephan Rabold

Herr Ehlert, Herr Willbrandt, Sie haben mit "Feinde" ein Filmprojekt zu dritt – in enger Zusammenarbeit mit Ferdinand von Schirach – entwickelt. Wie einigt man sich bei der Fülle von Ideen, die jeder einbringt?

Jan Ehlert: Man diskutiert. Es ist ja ein großer inhaltlicher Aspekt gerade dieses Projekts, dass man seine Meinung nur aus dem Ausschnitt bildet, den man selber sieht. Wenn man sich darüber austauscht, entsteht etwas Neues. Gleichzeitig ist es in diesem Fall sogar sinnvoll gewesen, sich aufzuteilen: Einer kümmert sich mehr um die Perspektive des Kommissars und Familienvaters, einer kümmert sich mehr um die Perspektive des Strafverteidigers. Damit treffen dann quasi Vertreter der jeweiligen Auffassung aufeinander und tauschen sich aus. Die Auseinandersetzung der Figuren im Film bildet also auch eine reale, dahinterliegende Auseinandersetzung ab.

Nils Willbrandt: Es gab eine Vorlage von Ferdinand von Schirach, auf deren Basis Jan Ehlert und ich uns zu den Drehbüchern vorgearbeitet haben. Wir haben diskutiert, geschrieben, gefeilt, und als wir fertig waren, haben wir wieder von vorne angefangen. Es war ein kleinteiliger Prozess, den Jan und ich zuvor schon ausführlich bei den Schirach-"Schuld"-Filmen eingeübt hatten. Ein Produzent und ein Regisseur schreiben zusammen nach Ferdinand von Schirach – klar, da wurde natürlich intensiv geforscht. Als wir die Drehbücher dann für "wetterfest" hielten, las Ferdinand von Schirach gegen und korrigierte. Es war ein Arbeiten in Schichten – erst zwischen den Autoren, dann mit der Redaktion, schließlich mit den Schauspielern und dem Team.

Sie haben sich entschieden, "Feinde" aus zwei unterschiedlichen Perspektiven zu erzählen.  Was muss man als Drehbuchautor dabei beachten?

Ehlert: … dass man sich für so ein Vorhaben zunächst mal auf Regeln einigen muss. Es mag Fälle geben, in denen es auf eine möglichst große Unterschiedlichkeit der Perspektiven ankommt und es vielleicht nur einen Berührungspunkt gibt oder zwei. Bei uns war ja die Absicht, sehr viele Berührungspunkte und streckenweise sogar einen Synchronismus zu vereinbaren. Die größte Krux dabei ist die Zeitebene, weil ein Kommissar und ein Strafverteidiger nun mal an unterschiedlichen Stellen eines Strafprozesses den Hauptteil ihrer Arbeit machen. Die Bücher sollten außerdem – wie die Filme – in jeder Hinsicht möglichst "gleichwertig" sein. Das geht schon bei der Form los, zum Beispiel sind bereits die Bücher exakt gleich lang. Da es sich bei den beiden Perspektiven um ebenbürtige Gegner handeln soll, mussten die Figuren auch etwa gleich stark sein. Das ist vielleicht die größte Schwierigkeit. Alle wollen das Richtige. Aber was ist das Richtige? Der Kommissar steht auf einem sehr sicheren moralischen Fundament, aber er tut etwas menschlich Verwerfliches. Der Anwalt hat einen größeren Witz, scheinbar eine größere Distanz – aber auch er setzt sich für einen Menschen ein und vor allem für das Recht.

Willbrandt: Wir mussten für einen Teil der Erzählung aus dem klassischen Dramatisieren heraustreten, weil es zunächst um einen Fall ging, eine sachliche, klare, schnörkellose Beschreibung, die dem Zuschauer zwei unterschiedliche Sichtweisen ermöglichen sollte. Dazu kam die Idee des doppelten Gerichtsprozesses, außerdem zeitgleiche Szenen und inhaltliche Überschneidungen. Das alles ist als TV-Erzählung ungewöhnlich, und wir mussten die Wirkung und Mechanik beider Filme durch diesen gesteckten, formalen Rahmen sehr viel mehr im Auge behalten als sonst üblich. Wir hatten im Grunde zwei emotionale Erzählungen auf der einen Seite und auf der anderen eine strategisch-formale Idee, die wir zusammenbringen mussten, um den geplanten Diskurs zu ermöglichen.

Hat die dialektische Erzählweise Ihre ursprüngliche Sichtweise auf den Fall beeinflusst?

Ehlert: Der Fall ist – trotz großer Ähnlichkeit zum Fall Jakob von Metzler – bewusst fiktiv gestaltet. Also nein! Aber die Erkenntnisse aus dieser Erzählform sind für mich grundsätzlicher Natur. Es geht letztlich darum, was wir alles aushalten müssen, wenn wir unser Zusammenleben gestalten. Wie wollen wir leben? Wer wollen wir sein? Beide Blickwinkel auf die Geschichte sind schlüssig, folgerichtig und nachvollziehbar – das, obwohl ihre Positionen diametral sind, nicht miteinander vereinbar. Aber Zusammenleben in einer Demokratie ist nicht Konsens. Es ist das Aushalten von Dissens. Wir können nur im Diskurs und nur gemeinsam entscheiden, was wir als das Richtige definieren. Das ist mühsam und manchmal frustrierend, frei nach Aristide Briand: "Ein Kompromiss ist dann perfekt, wenn alle unzufrieden sind." Aber es ist trotzdem der beste Weg.

Willbrandt: Da man ja immer wieder und in jedem Detail im unterschiedlichen Erleben der Hauptfiguren auf den Fall sieht, wurde man bei der Arbeit natürlich hin- und hergerissen. Gewalt ist für mich zwar, aus sicherer Entfernung betrachtet, nur eine Option im Kopf, im Gefühl, aber im geschilderten, menschlichen Ausnahmezustand kann man vielleicht Dinge tun, die man vorher nie für möglich gehalten hätte. In der Arbeit bin ich jedenfalls Nadler und Biegler sehr nah gekommen.

Herr Willbrand, Sie verfilmen zum zweiten Mal einen Stoff von Ferdinand von Schirach. Was ist für Sie das Besondere an diesem Autor?

Willbrandt: Man lässt sich bei Ferdinand von Schirach immer auf sehr reale, detaillierte, harte Erzählungen ein, die geschrieben sind wie Destillate. Filme, die man daraus machen möchte, haben es eigentlich leicht, Sinnlichkeit, Gefühl und Bildhaftigkeit aus den Zeilen abzuleiten. Die Geschichten sind übervoll davon. Auch wenn wir bei "Feinde" sehr viel mehr formale Mittel angewendet haben als bei "Schuld", sind es auch diesmal wieder Filme, die im Zentrum einfach gestrickt sind, gleichzeitig aber sehr ambivalente, komplexe, gesellschaftliche und menschliche Fragen aufwerfen. Herr Ehlert, Sie arbeiten seit Jahren mit Ferdinand von Schirach zusammen, nicht nur als Produzent, sondern auch als Drehbuchautor. Wie können wir uns Ihre Arbeit vorstellen?

Ehlert: Ich muss wahnsinnig viel Kaffee trinken und wenn ich rauchen würde, müsste ich vermutlich auch irre viele Zigaretten rauchen, einfach um mithalten zu können. Nein, im Ernst: Wir tauschen uns häufig aus, eigentlich in allen Stadien. Ferdinand von Schirach hat uns ja nicht nur die Rechte an seinen großartigen Kurzgeschichtenbänden anvertraut, er erzählt uns auch ziemlich regelmäßig von seinen Ideen – wie zum Beispiel der Idee zu „Feinde“, wo er bereits das gesamte Gespräch zwischen den Protagonisten vorgeschrieben hatte – und diese Ideen sind dann meistens so gut, dass man sie einfach machen muss. Auch während der Umsetzung, im Drehbuch, bei den Dreharbeiten, im Schnitt besprechen wir uns immer wieder. Das ist nicht nur hilfreich, um das Gesamtwerk aus Vorlage und Umsetzung im Auge behalten zu können. Es ist auch ein Vergnügen und eine große Bereicherung.

Hat man beim Schreiben bereits die ideale Besetzung im Kopf? 

Willbrandt: Das ist unterschiedlich. Manchmal gehen Filme wirklich damit los, dass man nur eine Idee hat, aber tatsächlich schon weiß, wer es spielen soll. Tatsächlich hört man dann den Spieler im Kopf sprechen, während man am Text arbeitet. Bei "Feinde" war es etwas anders. Klaus Maria Brandauer war früh der ideale Biegler in unseren Köpfen, aber wir waren da schon im Schreibprozess. Ich kannte Klaus aus Wien und stellte ihm den Stoff vor. Bjarne Mädel und Franz Hartwig kamen durch die Gespräche mit der Casting-Direktorin Mai Seck hinzu, waren aber auch so früh an Bord, dass wir noch genügend Zeit hatten, auf die beiden zuzuarbeiten, was by the way eine große Freude war. Im Grunde war hier der Prozess insgesamt also umgekehrt – erst gab es den Stoff, den wir dann aber immer weiter für und mit den Schauspielern verdichtet haben.

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