Regisseurin Helene Hegemann

Helene Hegemann
Helene Hegemann | Bild: Mathias Bothor

»Der Axolotl ist ein mexikanischer Schwanzlurch, der sein Leben lang im Larvenstadium verharrt. Er metaphosiert nicht, also wird er nicht erwachsen. Er stellt durch anpassungsfähige Zellen schwer verletzte Organe und Gliedmaßen vollständig wieder her, ohne dass Forscher die Mechanismen dieser Regeneration erklären können. In "Axolotl Overkill" geht es nicht um eine bestimmte Generation oder gar um eine Grenze zwischen Generationen – es geht um die Auflösung von Grenzen. Zwischen Geschlechtern, zwischen Arm und Reich, Alt und Jung.

Mifti ist 16 und ein Mädchen, das sich bewusst gegen gesellschaftliche Standards wehrt. Sie ist nicht devot, sondern der unmoralische, tragikomische Trottel, den in Filmen eigentlich immer nur Männer spielen dürfen. Sie hängt mit Leuten herum, die genauso funktionieren wie sie und sich von vorgegebenen Strukturen befreit haben und in dieser Freiheit jetzt auf der Suche nach Liebe und Identität jenseits der biologischen Festlegung und nach Vertrauen und Geborgenheit jenseits restriktiver Moralvorstellungen sind. Diese Suche ist das gemeinsame Biotop von charakterlich völlig unterschiedlichen Leuten. Dabei reagiert niemand adäquat oder berechenbar auf die Tatsache, dass sie alle nur ein bis zwei Drinks davon entfernt sind, als schizophren zu gelten oder einen Mord zu begehen. Jedes Individuum läuft als eine Art konkurrenzwirtschaftliche Strategie durch die Gegend. Sie brauchen schwache Bindungen. Und das steht im Widerspruch zum von allen Parteien beweihräucherten Wir-Gefühl, denn Kinder oder Geliebte durch diesen permanenten Kampf mitzuschleifen ist völlig irrational, fast ein rebellischer Akt. An diesem Phänomen haben wir uns filmisch abgearbeitet – in einer Bohème-Szenerie, in der es durch Drogen, Vereinzelungstendenz und Wildheit auf die Spitze getrieben wird.

Trotz allem geht es bei der Auflösung von Grenzen natürlich doch um eine bestimmte Grenze: Die Grenze, die sich durch jeden Menschen zieht. Das Leben im Selbstwiderspruch, das Anerkennen der Tatsache, dass Widersprüchlichkeit in jeder lebendigen Person stattfindet und ein Weg gefunden werden muss, sie aufzufangen und zu akzeptieren – und alles, was wir als Individuen, die wir sind, empfinden, ernst zu nehmen, unabhängig von anderen und unabhängig von den über uns existierenden Erzählungen.

Warum ich meinen Roman noch sechs Jahre nach seiner Veröffentlichung verfilmt habe, hat verschiedene Gründe. Der Niederträchtigste ist vermutlich mein "verletzter Stolz" – der Roman wurde gerne als "Christiane-F-Nachfolge" stilisiert und als explosives, aber standardisiertes "Achtung, Coming of age"-Paket auf die Menschen losgelassen. Mich hat diese faule Rezeption wahnsinnig gestört, weil ich mit der Geschichte eigentlich das Gegenteil hatte erzielen wollen – einen selbstbestimmten Menschen zu zeigen. Die Figuren aus "Axolotl Roadkill" haben mich nie losgelassen, ich sie auch nicht, und sowohl ihnen als auch mir jetzt eine Plattform bilden zu können, auf der man ihre Beweggründe, ihre Existenzen aus einem anderen Blickwinkel auffächert, ist ein sehr interessantes Experiment über Form, Inhalt und Entwicklung. Wie wird man erwachsen in einer Welt, die Altwerden verachtet? Und warum ist der Wahnsinn der Liebe für Erwachsene so marginal? Ist das erwachsen, die reine Liebe anspruchslos zu finden? Sollte es nicht gerade erwachsen sein, zu zeigen, dass es auch noch etwas anderes gibt, als im System zu funktionieren?«

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