Statement von Visar Morina

Regisseur

Nori (Val Maloku, l) riskiert sogar einen Verkehrsunfall, um seinen Vater von der Abreise abzuhalten. Wie lange wird er ihn so noch halten können?
Nori riskiert sogar einen Verkehrsunfall, um seinen Vater von der Abreise abzuhalten. Wie lange wird er ihn so noch halten können? | Bild: WDR / NiKo Film

»Im Kosovo der 90er Jahre herrschte ein soziales Klima, das ich schwer in Worte fassen kann. Das Erstaunliche dabei war weniger die Vorkriegsstimmung selbst, die einherging mit Hausdurchsuchungen, willkürlichen Erschießungen, Ausgangssperren und großer Armut, sondern der Umgang der Menschen mit all jenen Begebenheiten. Das Gefühl der Kosovaren, dass es nicht gut um ihr Kosovo bestellt ist, war allgegenwärtig. Man hat regelrecht auf den "Knall" gewartet. Ganz besonders dann, als der Krieg in Bosnien ausbrach. Die Angst der Menschen war geradezu mit Händen zu greifen, könnte man meinen. Aber so habe ich diese Zeit nicht empfunden. Der Angstzustand hatte sich bei den Menschen automatisiert und war so "normal" geworden, dass man die Angst – solang man nicht akut bedroht war – eigentlich vergaß. Die ständigen, immer wiederkehrenden Stromausfälle, die damals selbstverständlich zu unserem Alltag gehörten, empfinde ich im Nachhinein als Symbol für das Verhältnis der Menschen zur politischen Realität des Landes. Solange kein Strom da war, versuchten wir uns irgendwie zu helfen, und sobald der Strom wieder kam, war der Ausfall eigentlich schon vergessen, und wir hofften nur, dass der nächste Ausfall lange auf sich warten lässt. Um nur ein Beispiel zu nennen: Während meiner Schulzeit im Kosovo kam es vor, dass Polizisten mitten in die Unterrichtsstunde stürmten und mit uns Kindern spielten, indem sie Maschinengewehre auf uns richteten und den Lehrer schikanierten. Dann gingen sie wieder, ohne dass uns der Grund ihres Besuchs ersichtlich war und der Unterricht ging planmäßig weiter. Das war für uns Kinder unsere Welt, eine andere kannten wir nicht. Geprägt von Erfahrungen dieser Art, meiner Flucht nach Deutschland und nicht zuletzt der eigenen Beziehung zu meinem Vater, hatte ich die Idee zu diesem Film. Es gibt kaum Szenen in dem Film, die ich nicht selbst oder aber im unmittelbaren Umfeld erlebt habe.«

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