Regisseur Ilker Çatak zu seinem Film

Ilker Çatak
Ilker Çatak | Bild: Florian Mag

»Die Zeit mit 17 – eine Welt im Ausnahmezustand. Das war die Zeit, in der es uns nicht möglich war, drei Gedankengänge klar zu Ende zu denken, geschweige denn zu handeln, ohne vom alltäglichen Feuerwerk unserer kleinen Unsicherheiten, großen Wünsche oder den zahl- und ziellosen Hormon schwankungen eingeholt zu werden. Und 'Es war einmal Indianerland' ist wie dieses Feuerwerk, die rauschhafte Erinnerung an Tage, in denen alles zusammenkommt und über uns einbricht. Genau das gefällt mir: Rau und schnörkellos treiben wir die Handlung voran. Und haben dennoch den Blick für Details, wecken die Erinnerung an Filme und Bücher, die wir lieben, gönnen uns große Bilder, poetisch und hochstilisiert, streifen die großen Fragen des Lebens, freuen uns an Absurditäten des Alltags, die einzig in ihrer Banalität auszuhalten sind. Filmisch ist 'Indianerland' deswegen so reizvoll, weil das Lebens gefühl als wilder Genremix in der Hauptfigur Mauser bereits ver ankert ist: Wir sehen einen leichtfüßigen Boxer, des sen emo tionale Schwermut eine Romantik hergibt, die ihn träu men und zum Poeten werden lässt. So sehen wir einen Boxerfilm, einen Coming-of-Age-Film, einen Krimi, einen Western, ein Roadmovie – und das alles auf einmal, ohne dass das je albern werden würde. Spannend ist der Stoff auch, weil großartige inhaltliche und formale Kontraste herausgearbeitet werden – hier die Plattenbausiedlung, Sportlerschweiß, Boxhandschuhe und So zialrealismus auf der einen Seite, aufgebrochen durch surreale Figuren wie den Indianer, die Cowboys und die Insze nierung dieser Welt als Wilder Westen. Dort das komplette Kontrastprogramm: die Welt von Jackie und ihren Freunden wie Ponyhof. Die Jugend heute ist feierwütig, auch ohne er sichtlichen Anlass, und da kann man auch schon mal pro klamieren, dass man feiert, um die Welt zu verbessern. Mit ihrer weltklugen Art sorgen sie für noch mehr Verunsicherung bei Mauser, der seinerseits gar nicht weiß, was für eine coole Sau er eigentlich ist. Die Vater-Sohn-Thematik, so tragisch sie auch daherkommen mag, lese ich recht nüchtern. Das hat für mich eine lakonische Komik, wenn Mauser und Zöllner sehr trocken über der Leiche sitzen und überlegen, was sie als nächstes tun. Und dennoch geht es unter die Haut. Wie schließlich auch die Geschichte von der erlösenden Liebe. Edda: Ihr Stolz, ihre Hingabe und ihr unkontrolliertes Tem perament knacken den Panzer des Boxers. Mich tangiert der warmherzige Blick auf jede einzelne Figur, die ich mir beim Lesen mit all ihren kleinen Details ausmalen kann. Ihr Kostüm, ihr Duktus und die Dialoge wirken souverän und differenziert geschrieben. Eine Geschichte für Träumer – für das Kino. Ich mache diesen Film, weil ich daran glaube, dass Mut belohnt wird, weil ich selbst ein Träumer bin. Es ist der Glaube an etwas Einzigartiges, etwas, das ich vorher in Deutschland noch nicht gesehen habe ... Es ist die Sehnsucht nach neuen Ufern – erzählerisch, gestalterisch, inhaltlich. Es ist die Sehnsucht nach Liebe: Die Liebe zu meinen Figuren, unabhängig davon, ob sie Kinder von Reichen oder Halbzigeuner oder Mörder sind. Was am Ende bleibt? Die Erinnerung. Wie war das, im Kino zu sitzen und zu staunen? Rauszukommen und überwältigt zu sein, weil man die Möglichkeiten dieses Mediums einmal mehr unterschätzt hatte. Bruchstückhaft von dem Film zu erzählen, mit diesem Kerl, der da knallhart boxt und gleichzeitig verlorener Romantiker ist. Dieser Verknallte, der sich Telefonnummern in den Handrücken ritzt und eigentlich seinen Vater sucht und nur zur Normalität zurückfinden will, doch die Magie seines Umfeldes treibt ihn zu immer neuen Ufern. Spannend. Intensiv. Leidenschaftlich. Diese Erinnerung an einen Film – die will ich schaffen.«

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