Regisseur Marcus Richardt

Regisseur Marcus Richardt
Regisseur Marcus Richardt | Bild: Yannik Willing

»Vor einigen Jahren schien ein Mitglied meiner Familie mehr und mehr mit den Anforderungen seiner Außenwelt überfordert zu sein. Er zog sich immer weiter in sein Zimmer zurück, das er schließlich nur noch zur Nahrungsaufnahme und für existenzielle Notwendigkeiten und Bedürfnisse verließ. Das Internet wurde zum zentralen Lebensmittelpunkt. Mit Sorge, Wut und Hilflosigkeit verfolgten wir als Familie diesen Rückzug und wussten lange nicht, wie wir uns 'richtig' verhalten sollten. Durch Geduld, viele Gespräche und Zusammenhalt schafften wir es schließlich, dass er sich wieder aus der selbst gewählten Isolation löste. Doch was wäre passiert, wenn es den familiären Zusammenhalt nicht gegeben hätte? Was, wenn alle Bemühungen und Gespräche ins Leere gelaufen wären? Was, wenn die Angst vor den Anforderungen der Außenwelt die Oberhand behalten und sich Isolation und Abkapselung vertieft hätten?

Diese Fragen haben mich nicht mehr losgelassen und letztlich zur Zusammenarbeit mit Co-Autor Thomas Grabowsky am Drehbuch zu 'Goliath96' geführt. In Zeiten des Internets muss niemand mehr einsam sein. Das ist es, was uns ein Blick in die heutigen Medien suggeriert: Das Angebot von Online-Partnerbörsen und sozialen Netzwerken ist übergroß. Gleichzeitig lebten in Deutschland noch nie so viele Menschen allein – mittlerweile jeder Fünfte. Vielleicht ist die Unmenge von Online-Angeboten also nicht nur Ausdruck nie dagewesener Kommunikationsmöglichkeiten, sondern auch Anzeichen für ein breites unerfülltes Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Austausch und sozialer Anerkennung.

'Goliath96' erzählt von Menschen, die verlernt haben, miteinander zu reden. Ein Vater und Ehemann, der wortlos verschwindet, ein Sohn, der sich aus Angst und Überforderung in seinem Zimmer vor der Welt versteckt und eine Mutter, die sich mit ihren Problemen an keinen Freund oder Außenstehenden wenden kann. Den Widerspruch zwischen permanenter Verfügbarkeit durch Kommunikation und gleichzeitiger Vereinsamung und Individualisierung finde ich spannend und erschreckend zugleich. Die Anonymität des Internets und die daraus resultierenden Mittel der 'Tarnung und Maskierung' können zu komischen, skurrilen, aber auch fatalen Situationen zwischen Menschen führen. Als Regisseur liegt für mich in der Auseinandersetzung mit diesen widersprüchlichen Möglichkeiten ein großer Reiz.«

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