Gespräch mit dem Produktionssteam

Der grosse Rudolph
Einstellung aus dem Film | Bild: WDR

Rudolph Moshammer ist jetzt seit 13 Jahren tot – hat er in der Gegenwart eigentlich Spuren hinterlassen?

ALEXANDER ADOLPH: Jüngst hat man ihm in der Einkaufspassage am Stachus eine Art Deckenfries gewidmet. Auch taucht Moshammer regelmäßig in den Liedern des Münchner Rappers Felix Krull auf, wie er im Modetext von Elfriede Jelinek vorkam. Und er war ein Bindeglied zwischen der Welt der Reichen und der kleinen Leute. Der Beweis dafür, dass es jemand, wenn er will, schaffen kann, ganz nach oben zu kommen und seine Wurzeln nicht zu verleugnen. Er hat ja auch sein Geld den Münchner Obdachlosen vermacht. Interessant ist, dass sich – ähnlich wie bei anderen bayerischen Mythen, aber auch schon im "Mann, der Liberty Valance erschoss" beschrieben – die Figur Mosi vom wirklichen Menschen Moshammer drastisch unterschieden hat.

Welches war die entscheidende Fährte, die Sie ganz persönlich auf die Spur Moshammers gebracht hat?

CHRISTIAN POPP: In meiner Kindheit hat mein Onkel die Moshammer-Krawatten getragen. Da war München halt die große Welt. Irgendwann bin ich auf die Autobiografie "Mama und ich" gestoßen. Das war eher eine oberflächliche Abhandlung, aber da ist mir bewusst geworden, aus welch ärmlichen Verhältnissen der Moshammer stammte. Und die Mode der 80er Jahre war natürlich sehr speziell, so dass sich da optisch gleich eine Welt aufmacht. Aber es liegt in dieser Welt auch der Keim manchen Übels – wie er etwa in den 80er-Jahre-Romanen von Bret Easton Ellis beschrieben wurde –, ein fast naiver Glaube an einen völlig enthemmten Kapitalismus, eine Verehrung von Reichtum und Prominenz, die an Religiosität grenzt.

Der Film trägt den Titel "Der große Rudolph". Was ist in Ihren Augen an Moshammer groß?

ALEXANDER ADOLPH: Groß war die Wirkung Moshammers in der Öffentlichkeit, groß waren seine Fähigkeiten als Verkäufer. Auch er selbst – diese eigensinnige Form der Selbstdarstellung, die keine Angst hatte, sich lächerlich zu machen, sich als Muttersohn zu überhöhen, nie ungeschminkt auszugehen –, der einen unbedingten Konservativismus feierte, aber gleichzeitig große Aggression barg. Christian Popp hat mir die Moshammer-Autobiografie geschickt, und ich finde, das Buch erzählt unter seiner anekdotischen Oberfläche von großer Angst – Angst, KEIN Geld mehr zu haben, KEINEN Erfolg, wieder zurückzukehren in die Armut, aus der man gekommen ist. Was die Öffentlichkeit betrifft: Er hat sich inszeniert. Er war diese Inszenierung seiner selbst. Ich denke, sie war zum Schluss größer als er selbst. Und trotzdem gab es hinter dem ganzen Artifiziellen einen Menschen. Und dieser Mensch interessiert mich sehr.

Rudolph Moshammers Mutter Else spielte eine wichtige Rolle in seinem Leben. Wie würden Sie dieses besondere Mutter-Sohn-Verhältnis beschreiben?

ALEXANDER ADOLPH: Es gehörte schon einiges dazu, in einer Münchner Gesellschaft, die ja durchaus chauvinistische und sexistische Züge hatte, ständig mit seiner Mutter zu erscheinen. Da war eine sehr große Liebe und Zugewandtheit und Sorge umeinander – eine große, echte Zärtlichkeit. Auch dadurch, dass die beiden miteinander recht allein waren in einer Kunstwelt, die sie selbst erschaffen hatten, gab es in meinen Augen diese große Nähe. Aber zugleich eine große gegenseitige Abhängigkeit. Und das konnte halt auch umschlagen: Beschimpfungen, Wutanfälle, Vernichtungsfantasien, Eifersucht auf jeden, der sich in diese Beziehung einmischt und glaubt, einem ungestraft den Platz streitig machen zu dürfen.

Hat einer von Ihnen Rudolph Moshammer eigentlich persönlich gekannt? Gibt es Erinnerungen, wenn nicht Begegnungen, so doch bleibende Eindrücke, die Sie mit Namen und Person Moshammers verbinden?

ALEXANDER ADOLPH: Ich habe ihn während der 80er Jahre öfter auf der Straße gesehen und fand ihn – im Gegensatz zu der Figur, die manchmal in der Zeitung abgebildet war – beeindruckend, obwohl das nicht meine Welt war. Ende der 90er hab ich ihn mal interviewt, und da war ich verblüfft darüber, dass er sich einerseits sehr bescheiden, geradezu demütig gab, wenn er erzählte wie dankbar er sei, wenn Menschen auf der Straße die Tüte mit seiner Aufschrift trügen – andererseits hatte er aber auch immer wieder ein unerwartetes Maß an Aggression in der Stimme. Er war in den 30 Minuten, die er mit mir sprach, sehr schlagfertig, wurde aber auch negativ und pessimistisch. Er hat mir damals das Ende Amerikas als führende Wirtschaftsnation prophezeit und gesagt: "Und danach, Herr Adolph, erwischt es Deutschland."

CLAUDIA SIMIONESCU: Ich habe Rudolph Moshammer nicht persönlich gekannt. Als ich Mitte der 80er Jahre nach München kam, bin ich auf dem Weg zu den Kammerspielen an seiner Boutique vorbeigekommen. Meinen Geschmack traf sein Stil nicht. Er war mit Abstand einer der schrillsten Protagonisten jener Zeit und Liebling des Münchner Boulevards. Ich gestehe, so richtig ernst haben wir ihn damals nicht genommen. Erst als die schrecklichen Umstände seiner Ermordung bekannt wurden, konnte man ahnen, wie einsam und allein dieser Mensch hinter der eigentümlichen Fassade gewesen sein muss.

Wie lange und wie intensiv haben Sie im Vorfeld über Moshammer recherchiert?

CHRISTIAN POPP: Ich habe seine Autobiografie gelesen und mir Interviews angeschaut. Zum Beispiel hatte ihn Christoph Schlingensief mal in seiner Talkshow "Talk 2000" als Gast. Er war sehr unterhaltsam.

ALEXANDER ADOLPH: Bevor ich mich entschloss, dieses Projekt anzunehmen, habe ich mich mit Leuten getroffen, die ihn kannten oder ihm begegnet sind, auch mit ehemaligen Lehrlingen aus seinem Laden. Das Erstaunliche war: Je länger ich mich damit beschäftigt habe, umso mehr zufällige Begegnungen hatte ich auch. Diese öffentliche Figur Moshammer, dieser aus seinem Laden winkende Mann mit dem kleinen Hund, lebt in denen weiter, die ihn winken sahen

Das schillernde Leben Moshammers bietet unendlich viele Anknüpfungspunkte für einen Film. Was hat Sie bewogen, sich mit der Einführung der Figur des kleinen Ladenmädchens Evi für eine Rahmenhandlung zu entscheiden, die keine reale Entsprechung in Moshammers Leben hat? Was wollten Sie erzählerisch mit diesem "Kunstgriff", der ja etwas an das Aschenputtel-Märchen erinnert, erreichen?

ALEXANDER ADOLPH: Ich wollte mit dem Mythos des reichen, geldigen, des kapitalistischen Münchens der 1980er satirisch umgehen, wollte mich aber nicht über den Menschen Moshammer und seine Mutter erheben. Der Moshammer war ja ein Selfmademan, der sich aus den ärmsten Verhältnissen hochgearbeitet hat, und so entdeckt sich Moshammer in dieser kleinen Verkäuferin wieder. Das ist die Welt, aus der er gekommen ist. Er sagt ja auch immer wieder "mach etwas aus dir", so wie er selbst etwas aus sich gemacht hat. Und dieses Underdog-Dasein, dieses Gefühl, Aschenputtel zu sein und sich verstellen zu müssen, damit man geliebt wird – das hat auch Moshammer gekannt. Insofern ist diese Evi auch ein bisschen der Moshammer in jungen Jahren. Ich finde die Frage, wie sehr ein eigentlich hermetischer Charakter in der Lage ist zu einer zwischenmenschlichen freundschaftlichen Beziehung, sehr spannend – wenn es darum geht Moshammers Person zu beschreiben.

CHRISTIAN POPP: Ich glaube, dass Evi uns hilft, Moshammer nah zu kommen, ihn als Menschen zu sehen. Für mich war das eigentlich der dramaturgische Clou, der mich schon im Exposé vollkommen überzeugt hat.

Welchem Genre würden Sie den Film zuordnen? Ein Biopic im eigentlichen Wortsinn ist der Film ja nicht. Wie würden Sie Ihren Umgang mit der "Mischung" von Fakten und Fiktion hier beschreiben?

CLAUDIA SIMIONESCU: Es hat nach Moshammers Tod immer wieder Anläufe gegeben, sein Leben zu verfilmen – durch das skandalträchtige Ende drängte es sich scheinbar auf. Doch weder für einen Thriller noch für eine biografische Nacherzählung fand sich der angemessene Erzählton. Seiner Person gerecht zu bleiben, ohne voyeuristisch zu werden, schien schwierig zu sein. Schon bei dem ersten kurzen Vorschlag von Alexander Adolph stellten sich all diese Fragen plötzlich nicht mehr: Es brauchte kein Lebenspanorama von der Geburt bis zum Tod und bot stattdessen ein humorvoll bissiges Sittenbild der Münchner Gesellschaft der frühen 80er Jahre. Und da mittendrin eine kleine Episode rund um einen ambivalenten Charakter. Eine Gesellschaftssatire schließlich, die ihre Protagonisten ernst nimmt und ihnen mit großer Empathie begegnet. Es gibt unzählige Ereignisse im Leben Moshammers, die hier Pate standen, aber sie alle dienen nicht der Dokumentation seines Lebensweges, sondern ausschließlich der Annäherung an eine schillernde Persönlichkeit – so wie sie vielleicht gewesen sein könnte, denn in Wahrheit kennen wir ja nur Bruchstücke.

ALEXANDER ADOLPH: Dass das eine "kleine" Geschichte sei, stimmt nur insofern, als nicht die komplette Biografie von Moshammer mit dem Mord am Ende abgehandelt wird. Nichtsdestotrotz verhandeln wir hier eines der großen Themen, welches – wie ich finde – den Mythos von Moshammer auszeichnet. Nämlich die Frage "Wie mache ich etwas aus mir?". Moshammer hat das sowohl durch seinen Werdegang (er kam ja aus der Armut), als auch durch seine Mode (seine Kleider sollten reich wirken) thematisiert. Heute hat sich das Thema nochmal verschärft: Wir leben in einer Zeit der Castingshows, der ständigen Bewertung von außen. Die Frage nach der Berufswahl ist für junge Leute existenziell, weil es so wenig Chancen gibt und so viele Bewerber. Und dann ist die ganze Zeit Authentizität gefragt, was natürlich – wie wir an Moshammer sehen können – mitunter eine besonders perfide Art der Verstellung erfordert. Das alles sind die Themen des "großen Rudolphs". Das ist eine Geschichte, die vom Verkaufen handelt – davon, wie man Kleider verkauft, aber auch sich selbst. Das ist eine Geschichte über Mutter-Sohnesliebe, Freundschaft und Eifersucht. Eine Tragikomödie in Form einer Gesellschaftssatire.

Viele Aspekte aus Moshammers Leben, die zum Verständnis seiner Person wichtig wären, spart der Film aus oder deutet sie nur an, etwa der Umgang mit seiner Homosexualität oder die Ermordung durch einen Stricher. Warum?

CHRISTIAN POPP: Dass Moshammer homosexuell war, wird im Film nicht verschwiegen, es wird auch mehrmals gesagt, einmal sogar in diesem abschätzigen Ton, den viele heterosexuelle Männer anschlagen, wenn sie annehmen, dass homosexuelle Männer auf sie stünden – man sieht ihn auch einen Jungen auf der Straße ansprechen. Man sieht aber auch die Wut Moshammers, die, denke ich, für seine Ermordung eine wesentlichere Rolle gespielt hat als seine Homosexualität. Im Übrigen ist es sicherlich wichtig, einen Mord im Zusammenhang mit einer Biographie zu nennen, aber doch nur, wenn der, um den es geht, der Täter ist. Moshammer war das Opfer.

Gab es, neben den erzählerisch-künstlerischen Gründen, auch ganz konkrete juristische Bedenken wegen einer möglichen Verletzung von Persönlichkeitsrechten, die zu dieser Entscheidung geführt haben?

CLAUDIA SIMIONESCU: Nein, denn der Erzählansatz von Alexander Adolph war von Beginn an ein rein fiktionaler und kein historisch-biografischer.

ALEXANDER ADOLPH: Ich hatte Kontakt zu den Ermittlern, die den Mord einst aufgeklärt haben, und es wäre sicher möglich gewesen, die Ermordung komplett zu re-inszenieren. Es war eine bewusste Entscheidung, das nicht zu tun.

Mit Thomas Schmauser und Hannelore Elsner haben Sie für die beiden Hauptrollen erstklassige Schauspieler gewinnen können. Und auch alle anderen Rollen sind hervorragend besetzt. War es eigentlich schwierig, diese Starbesetzung zu bekommen und sie für ihre Rollen zu begeistern?

ALEXANDER ADOLPH: Es schien nicht wirklich schwierig – aber rückblickend betrachtet ist es ein ganz großer Glücksfall, dass all diese Künstler diese Rollen gespielt haben. Und dass wir diese grandiosen Hauptdarsteller haben. Hannelore, Thomas und Lena haben für ihre Figuren gekämpft, haben sie verteidigt. Das war eine wirklich großartige und extrem berührende Erfahrung. Dass man gemeinsam eine Welt erschaffen hat, die auf den ersten Blick schrill anmuten mag, aber eben von Menschen bewohnt ist.

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