Fragen an Moriz Bleibtreu

Pius Ott (Jürgen Prochnow)  ist enttäuscht: Nachdem er einen Selbstmord beobachten musste, hat sich Urs Blank (Moritz Bleibtreu) entschlossen auszusteigen. Damit ist der prestigeträchtige und lukrative Auftrag s an Blank hinfällig.
Moritz Bleibtreu in seiner Rolle als Urs Blank zusammen mit seinem Kollegen Jürgen Prochnow (Rolle Pius Ott). | Bild: SWR/AlamodeFilm / Felix Cramer

Was hat Sie an der Figur des Urs Blank so angesprochen, dass Sie diesen widersprüchlichen Mann spielen wollten?

Das ist eigentlich die falsche Frage. Mir ist mehr an Geschichten als an Figuren gelegen. Mir ist wichtig, dass etwas erzählt wird, das mich packt und das ich selbst gerne in einem Film sehen würde. Die Rolle an sich spielt da eine eher untergeordnete Rolle. Aber natürlich ist dieser Urs Blank ein Geschenk, weil in ihm alles drinsteckt, was einen als Schauspieler fordert. Er ist von Anfang an eine gebrochene Figur, wird dann vom Leben eingeholt und gegen die Wand geknallt, um schließlich spät eine Katharsis zu erfahren und erstmals in seinem Leben zu sich zu finden. Und dann noch die Drogengeschichte: Wie spielt man das, einen Trip? Wie drückt man aus, was in einem während eines Trips vorgeht? Mir fehlt der persönliche Erfahrungsschatz, auf den man zurückgreifen müsste, wenn man so etwas authentisch darstellen wollte. Aber gerade diese Grenzerfahrung ist es, die für einen Schauspieler spannend ist, wenn sich die Figur so weit von einem entfernt, dass es eigentlich keinen gemeinsamen Nenner mehr gibt, den man mit der Realität verknüpfen könnte.

Was hat Ihnen also an der Geschichte konkret so gefallen?

Ich fand die Geschichte schon immer toll. Ich habe das Buch gelesen, kurz nachdem es erschienen war. Suter lese ich ohnehin einfach gerne, weil er es mit einer tollen Sprache scheinbar mühelos schafft, verquere Innenwelten zu erklären und zu zeichnen, die ganz krass im Kontrast zu einem bestimmten gesellschaftlichen Bild stehen. Da baut sich eine ganz eigentümliche Spannung auf. Deshalb war ich gleich wach, als ich hörte, dass es eine Verfilmung geben sollte.

Lag zum Zeitpunkt Ihres Einstiegs in das Projekt bereits ein Drehbuch vor?

Ja, aber wie bei jedem Filmprojekt gab es unzählige Fassungen und Änderungen. Romanverfilmungen sind heikel, weil man einen Weg finden muss, eine vorgestellte Welt in Filmbildern zu erzählen. Ein Roman hat mit seinen 400 bis 600 Seiten ganz andere Möglichkeiten, dem Leser seine Welt und Figuren in einer ganz eigenen Struktur näher zu bringen. Ein Film ist eingeschränkter. Er darf eine gewisse Länge nicht überschreiten, und in diesem Rahmen muss man versuchen, alles unterzubringen, was die Vorlage ausmacht. Gleichzeitig muss man sich lösen von der Vorlage, weil ein Film nach eigenen Gesetzen funktioniert und man sich diesen Gesetzen unterordnen muss, wenn es denn ein guter Film werden soll.

Wie sind Sie an die Rolle herangegangen? Gab es einen gewissen Haken, den Sie finden mussten?

Das ist mein Beruf. Deshalb bin ich Schauspieler. Wenn ich eine Rolle nicht spielen könnte, dann bestenfalls aus moralischen Gründen oder weil ich die Geschichte zu langweilig finde. Urs Blanks Geschichte ist im Grunde ganz klassisch, eine Odysseus-Geschichte eines Mannes, der sich aufmacht, sich selbst zu finden. Die Komponente Drogenrausch war es, wovor ich Respekt hatte. Es ist einfach unheimlich schwierig, Innenwelten mimisch darzustellen, da begibt man sich schnell auf dünnes Eis. Was kann man da machen? Einfach nur die Augen weit aufzureißen, kann nicht die Antwort sein. Es war ein spannender Prozess, sich da hineinzuarbeiten und einen Ansatz zu finden, das darzustellen.

Und man darf nicht vergessen: Man sieht hier einem Mörder zu.

Das ist sicherlich auch eines der Themen des Films. Diese gewalttätige Seite schlummert in uns allen. Wir alle haben unsere Abgründe, die unter falschen Umständen ganz furchtbare Verhaltensweisen hervorrufen können. Unsere gesamte soziale Existenz baut sich auf der Verabredung auf, dass wir bestimmte Dinge so tun, wie wir sie tun, um in einer Sozialgemeinschaft miteinander zurecht zu kommen. Der Film zeigt, wie schnell es gehen kann, wenn wir diese vermeintlich selbstverständlichen Wege verlassen, in denen Höflichkeit und Diplomatie angelegt sind und für ein maßvolles Zusammenleben sorgen.

Es ließe sich argumentieren, dass Urs Blank schon davor in seiner Eigenschaft als eiskalter Wirtschaftsanwalt ein Killer ist.

Absolut. Vielleicht manifestiert sich im Verlauf der Geschichte nur auf ganz urwüchsige Weise eine Wesensart, die längst existiert, wenngleich auf einer anderen Ebene. Das wird im Film explizit angesprochen. Vielleicht sind ja gar nicht der Pilz und der Trip schuld, vielleicht ist es doch ganz einfach Urs Blank selbst, in dem etwas erweckt wird, was immer schon in ihm geschlummert hat. Kein Mensch wird als Mörder geboren. Aber genauso muss man auch sagen, dass die Fähigkeit, so etwas zu tun, in jedem von uns angelegt ist. Es muss nur ein Funke Chemie in unserem Hirn falsch überspringen, und schon kann alles aus dem Ruder laufen.

Sie haben bereits gesagt, dass der Dreh eine Herausforderung war. Wie haben Sie ihn erlebt?

Ich kann Druck aushalten. Muss ihn aber auch nicht zwingend haben, er treibt mich nicht zu Höchstleistungen an. Allen Beteiligten war klar, dass der Dreh eine harte Nummer werden würde. Weil wir nicht wirklich bestimmen konnten, wann wir drehen würden, barg der Zeitpunkt des Drehs zahllose Risiken. Wenn es nur einmal angefangen hätte zu Schneien während unseres Außendrehs im Wald, hätten wir ein echtes Problem gehabt. Da hatten wir Glück. Aber auch so waren die vier Wochen in der Natur, an unwegsamen Abhängen, eine Herausforderung. Es war kalt, es war feucht. Und ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ein Wald im Winter auf Dauer ein besonders schöner Ort wäre. Die Drehtage waren zudem extrem konzentriert, weil es spät hell und sehr früh dunkel wird. Da muss man auf Zack sein. Das zehrt an den Kräften.

An Ihrer Seite spielt Jürgen Prochnow in seinem ersten Leinwandauftritt seit Jahren.

Ich fand’s toll. Er spielt einen lupenreinen Antagonisten, er ist wie eine Metapher, ein klassischer Bad Guy, der aus dem Missgeschick und Unglück anderer seine Energie zieht. Mit minimalen Mitteln holt Jürgen aus so einer Figur irrsinnig viel heraus, weil er eine überwältigende Präsenz vor der Kamera hat, der man sich nicht entziehen kann. Ich finde es schlimm, dass man ihn so lange nicht mehr gesehen hat bei uns, dass er in Vergessenheit geraten ist. Wie kann das sein? Er ist eine Legende, ein internationaler Star. Zum Glück leben wir in einer Zeit, in der sich das Schubladendenken etwas auflöst, was ein Filmstar und was ein Fernsehstar ist, viele Kollegen werden in diesem Zuge wiederentdeckt. Als ich die erste Ausspielung einer Großaufnahme von Jürgen gesehen habe, habe ich Stephan zugenickt und gesagt: Schau mal, wie großartig. Ich habe mich wahnsinnig gefreut. Man darf nicht vergessen: Der Mann ist über 70. Aber was er da beim Dreh im Wald, auf den Abhängen, im Kampf mit mir hingelegt hat, davor kann man nur den Hut ziehen.

Der Titel des Films verweist auf das klassische Pink-Floyd-Album "The Dark Side of the Moon", ein Konzeptalbum über das Leben eines Menschen, das im Wahnsinn mündet. Ist das auch ein Thema des Films?

Bewusstsein und Unterbewusstsein kann man ebenso wenig voneinander trennen wie hell und dunkel. Das gehört fest zusammen. Sinnesabweichungen, die dazu führen, dass man Dinge anders wahrnimmt, als man es normalerweise tut, kann man also durchaus als Wahnsinn bezeichnen. Vielleicht sähe Timothy Leary es anders, aber wenn Sie mich fragen, dann ist die Verwendung halluzinogener Drogen bewusst herbeigeführter Wahnsinn. Die Frage ist: Entfaltet die Droge wie ein Medikament ihre Wirkung und geht dann wieder weg? Oder wird ein Zustand herbeigeführt, der anhält und die Persönlichkeit dauerhaft verändert? Ich finde das ungemein faszinierend, es beschäftigt mich. Das trifft auf viele Themen des Films zu, der ungewöhnlich vielschichtig ist. Es geht um den Kampf Mann gegen Mann, es geht um Neid, Rache und Ehrgeiz, es geht um Gut und Böse, es geht um andere Sinneswelten und Wahnsinn, es geht um Freundschaft und Familie, um Vater und Sohn, um den Mensch, der zu seinem Ursprung zurückfindet, und die Natur. Der Film ist wie ein Baum, der sich endlos verästelt. Fast jedes relevante soziale Thema spiegelt sich in ihm wider.

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