Fragen an Stephan Rick

Der Anblick eines Wolfes hat Urs Blank (Moritz Bleibtreu) dazu bewogen, in den Wald zu gehen. Findet seine verletzte Seele hier Erleichterung?
Szene aus dem Film: Der Anblick eines Wolfes hat Urs Blank dazu bewogen, in den Wald zu gehen. Findet seine verletzte Seele hier Erleichterung? | Bild: SWR/AlamodeFilm / Felix Cramer

Wie sind Sie an den Stoff gekommen? Was hat Sie an der Geschichte, den Figuren gereizt?

Ich hatte den Roman bereits vor Jahren gelesen, meine Freundin gab mir damals das Buch. Die Geschichte hat mich von Anfang an sehr begeistert. Vor allem die Reise des kultivierten Staranwalts zum gewalttätigen Mörder. Im Grunde das "Dr. Jekyll und Mr. Hyde"-Motiv, das ich so originell lange nicht mehr gesehen hatte. Und manchmal hat man ja einfach Glück im Leben: 2011 trat Amir Hamz, einer der Produzenten, an mich heran, nachdem er meinen Debütfilm "Unter Nachbarn" gesehen hatte, und fragte mich, ob ich Interesse an dem Stoff hätte.

Was sind die Themen des Films? Warum muss man diese Geschichte fürs Kino erzählen?

Ich glaube, Martin Suters Roman ist deshalb so daueraktuell und daher für mich auch ein zwingender Kinostoff, weil sein Thema eines ist, dass die Menschheit seit jeher beschäftigt. Es geht um die dunkle Seite, das "Böse", wenn man so will, das in jedem von uns schlummert. Und um das, was passiert, wenn wir die Kontrolle darüber verlieren. Denn auch wenn wir uns im normalen Alltag meist sicher fühlen, die Decke der Zivilisation ist doch ziemlich dünn.

Was gefällt Ihnen an diesem "Antihelden" Urs Blank?

Er ist eine spannende Figur, ein Mann, der bereits vor seiner Verwandlung Gewalt über andere ausgeübt hat. Der durch sein Verhalten Leben zerstört hat. Aber auf eine abstrakte Weise, auf dem Papier, durch Vertragsklauseln, niemals durch rohe Gewalt. Nachdem er jedoch auf dem Pilztrip war, wird sein gewalttätiges Potential offensichtlich. Filmisch spannend finde ich, dass sich die Hauptfigur Urs Blank ab diesem Moment in einem ständigen inneren Kampf befindet. Seine Identität steht auf dem Spiel. Er möchte die Kontrolle zurückgewinnen, wird aber immer wieder von seiner dunklen Seite übermannt. Und kommt dadurch dem Wahnsinn immer näher.

Wie sind Sie an den Stoff herangegangen? Was musste hinsichtlich der Romanvorlage geändert werden?

Catharina Junk, meine Co-Autorin und ich sind letztendlich sehr frei mit Martin Suters Roman umgegangen. Die Vorlage ist sehr multiperspektivisch in ihrer Erzählung. Viele Figuren haben eigene Handlungsstränge. Das funktioniert für den Roman wunderbar, aber für einen Film sind so viele, zum Teil auch nicht zusammenhängende und nur angerissene Geschichten ein Problem. Hier haben wir den Fokus in unserer Adaption sehr stark auf Urs Blank gelegt. Aber selbst in seiner Entwicklung stecken im Roman mehrere ganz unterschiedliche philosophische Ansätze und Geschichten. Wir haben uns für die entschieden, die uns am meisten interessiert hat.

Wie sind Sie bei der Besetzung vorgegangen? Wie konnten Sie Moritz Bleibtreu gewinnen? Und wie kam es zu dem Besetzungscoup mit Jürgen Prochnow? Können Sie die Arbeit mit den beiden beschreiben? Was zeichnet sie aus?

Für die Rolle des Urs war es sehr wichtig, jemanden zu finden, der so durchlässig spielen kann, dass man ihn selbst in seinen dunkelsten Moment nie ganz verliert. Das ist eine Qualität, die Moritz mitbringt und die unglaublich wichtig für den Film ist. Er war bereits ganz von Anfang an dem Projekt beteiligt und hat sich von allen Aufs und Abs nicht irritieren lassen. Jürgen war ebenfalls ein großer Glücksfall. Er bekam das Drehbuch an einem Freitag nach Los Angeles geschickt. Am Montag war seine Antwort da: Er ist dabei. Manchmal können scheinbar komplizierte Sachen ganz einfach sein. Das war zum Glück auch in der konkreten Arbeit mit den beiden so. Moritz ist ein Schauspieler, der sehr filmisch denkt und bereit ist, im Dienste des Filmes über Grenzen zu gehen, und der dabei sehr physisch ist. Jürgen steht dieser Physis in nichts nach. Er ist stets perfekt vorbereitet und in der Zusammenarbeit ein unglaublich feiner Mensch.

Worauf mussten Sie bei der Inszenierung besonders achten? Was war am schwierigsten?

Einer der Knackpunkte waren natürlich die Gewaltattacken von Urs Blank. Hier die richtigen Wege und Mittel zu finden, sie schauspielerisch umzusetzen und filmisch einzufangen, war eine große Herausforderung. Zudem hatten wir unglaublich viele Szenen mit Tieren. Hund, Wolf, Katze, Rehbock. Und die machen einfach nur bedingt, was man Ihnen sagt. Hinzu kam, dass viele Szenen im Wald spielen und wir im November gedreht haben. Was heißt: Die Tage waren kurz, wir hatten sehr wenig Tageslicht, bzw. Zeit für die Inszenierung. Hier ging es darum, die richtigen Entscheidungen schnell zu fällen.

Wie haben Sie die richtigen Motive gefunden?

Da wir in Luxemburg und Köln gedreht haben, die Geschichte aber in Frankfurt und im Taunus spielt, war das eine große Herausforderung, inhaltlich und logistisch. Denn neben vielen Waldmotiven erzählen wir ja auch die Welt der Hochfinanz und die des Großstadthippiemädchens Lucille. Die Szenenbildnerin Gabriele Wolff hat hier wirklich Enormes geleistet, für den Film alles möglich zu machen.

Eine besondere Rolle spielt der Wald.

Die Drehorte im Wald zu finden, der ja so etwas wie eine eigene "Figur" ist, war eine weitere Aufgabe. Es sollten immer Motive sein, die etwas Besonderes zur Geschichte beitragen. Je nach Stimmung brauchten wir beispielsweise einen eher lieblichen Laubwald oder einen kühlen Nadelwald. Und damit diese Bilder nicht austauschbar sind, ging es immer darum, auch das spezielle an diesen Orten zu finden. Eine Felsformation, ein verkrüppelter Baum, etc. Letztendlich war es auch Fleißarbeit: Wir haben uns wochenlang im Wald herumgetrieben, bis wir die richtigen Locations hatten.

Ein Knackpunkt ist die Tripszene. Was wollten Sie rüberbringen?

Es ging darum zu visualisieren, wie aus Urs die dunkle Seite herausbricht. Dabei hat der Trip in sich einen Entwicklungsbogen. Er beginnt ausgelassen, ist angelehnt an echtes Triperleben und tatsächliche Halluzinationen auf psilocybinhaltigen Pilzen. Bis sich Urs immer mehr von den anderen entfernt. Und während der Wald ihn zunächst magisch anzieht, bricht sich seine dunkle Seite die Bahn. Anders als im Roman, wo der Pilz stärker die Ursache ist, ist er im Film mehr nur der Katalysator für die Entwicklung von Urs.

Der Titel bezieht sich auf das berühmte Album von Pink Floyd, ein Konzeptalbum über den Wahnsinn des Alltags und der Kunst. Spielte die Musik eine leitmotivische Rolle?

Die Musik hat für mich und die Autorin beim Schreiben eine Rolle gespielt. Es ist ja nicht nur der Titel, der im Roman auftaucht, sondern alle möglichen Textzeilen und Zitate aus dem Album finden sich in Martin Suters Buch wieder. Bei der Arbeit im Schneideraum war es jedoch so, dass der Einsatz dieser Musik fast wie eine Anbiederung an eine vergangene Epoche wirkte. Letztlich muss der Film auf völlig eigenen Beinen stehen.

Was soll das Publikum aus diesem Film mitnehmen?

Dass – so schlimm das ist, was Urs Blank tut – jeder Zuschauer sich fragt, wie viel davon vielleicht selbst in ihm steckt.

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