Gespräch mit dem Regisseur Mark Monheim und Drehbuchautor Martin Rehbock

Jan (Max Riemelt, links) findet Kompromittierendes in Mamas (Katja Flint, rechts) Kühlschrank.
Szene aus dem Film: Jan findet Kompromittierendes in Mamas Kühlschrank. | Bild: NDR / Mark Monheim

Seit Oktober 2017 dürfen gleichgeschlechtliche Paare heiraten und Kinder adoptieren. Alles ganz normal. Sehen Sie in Ihrem Film dennoch ein Wagnis?

Martin Rehbock: Ich glaube, dass trotz des gesellschaftlichen Fortschritts viele Dinge noch nicht so normal sind, wie man denkt. Und ob die Inhalte von Kino und Fernsehen mit dieser Entwicklung immer Schritt halten, ist eine offene Frage. In unserer Komödie erfüllt ein Sohn den Kinderwunsch seiner lesbischen Mutter, indem er ihre Freundin schwängert. Für einen ARD-Film in der Primetime sind die Wahl des Themas und die Entscheidung, daraus eine Komödie zu machen, durchaus ungewöhnlich.

Mark Monheim: Es gibt eine Reihe von dramatischen Filmen, die sich sehr ernst mit homosexuellen Partnerschaften und Familien auseinandersetzen. In der Gesellschaft bis hinein in die höchsten Regierungsämter ist weiter die Skepsis verbreitet, ob es den Kindern nicht doch schaden könnte, wenn sie bei zwei Müttern oder zwei Vätern aufwachsen. Dabei belegen viele Studien, dass diese Konstellationen in der Regel sehr stabil und die Eltern auf das Kind gut vorbereitet sind. Nun ist es nicht unser Ziel, einen Riesenskandal auszulösen, indem wir das Thema komödiantisch überhöhen. Wir wollen mit einem Augenzwinkern die Genderdebatte auf die Spitze treiben. Einmal in Richtung der wertkonservativen Skeptiker, die immer befürchten, das ganze Land wird schwul, sobald sich jemand mit Homosexualität beschäftigt; und auch in die andere Richtung, da treibt es ebenso absurde Blüten.

Martin Rehbock: Die Gefahr, dass unsere Filmkonstellation der Normalfall wird, ist nun wirklich nicht gegeben. Eine Verlegerin, die mit einem Mann verheiratet ist und einen Sohn hat, verliebt sich in eine Journalistin und gründet eine neue Familie mit Hilfe ihres Sprösslings, der als Samenspender herhalten muss. Diese Story ist mit einem klassischen Komödien-Topos verwoben, wonach das Glück gleich um die Ecke wohnt. Unsere männliche Hauptfigur, der Buchhändler Jan, lebt in einer Wohngemeinschaft mit der Frau seines Lebens zusammen, ohne es richtig zu merken. Er hat sich in die Idee verrannt, die lesbische Freundin seiner Mutter erobern zu wollen, was völlig aussichtslos ist.

Ihre männlichen Helden tun sich schwer mit der Liebe. Nur die lesbische Beziehung funktioniert. Woran liegt das?

Mark Monheim: Während der heterosexuelle Jan nicht so richtig weiß, wo er hingehört, haben die lesbischen Frauen klare Vorstellungen davon, was sie wollen. Es war uns wichtig, mit der Verlegerin Viktoria und der Journalistin Rosalie zwei intelligente, charmante und selbstbewusste Frauen zu schildern, die beruflich erfolgreich sind und ihr eigenes Glück schmieden, und dann eine wirkliche Liebe zwischen ihnen zu inszenieren. Ich finde, das ist uns ganz gut gelungen.

In Ihrem Film ist kein einziges Mal von Problemen die Rede. Ist das Absicht?

Mark Monheim: Wir empfinden homosexuelle Familien nicht als Problem. Ich habe Freunde und Verwandte in meinem Umfeld, die homosexuell sind. Meine Schwester lebt in einer liebevollen Ehe mit einer Frau zusammen und hat ein Kind. Die drei sind jetzt in mein Elternhaus gezogen.

Martin Rehbock: Ich kann nirgends ein Problem entdecken. Ich sehe nur Menschen, die alle das gleiche Ziel haben, ihr Glück zu finden und ein erfülltes Familienleben zu führen. Auch in meiner Lebenswirklichkeit sind homosexuelle Paare nichts Außergewöhnliches. Ich finde den Gedanken furchtbar, die heterosexuelle Beziehung sei das allein glücklich machende Modell in dieser Welt.

Mark Monheim: Zumal sich hinter der schönsten Fassade bürgerlicher Normalität schlimme Abgründe auftun können. Fernsehformate wie "Ku’damm 56" zeigen ja, wie sich Homosexuelle damals verbogen haben, um einem bürgerlichen Ideal zu entsprechen. Viele sind daran zerbrochen und haben andere mit ins Unglück gestürzt, weil ihre Ehe nur dem Zweck diente, den Anschein zu wahren.

Die Männer machen den Haushalt, die Frauen Karriere. Dreht Ihr Film die alten Rollenklischees um?

Martin Rehbock: Die Mittdreißiger von heute benutzen im Film die Schlachtrufe der Frauenbewegung der 80er-Jahre und wandeln sie für sich um. So wie Jan, der seiner Mutter sagt: "Mein Samen gehört mir!". Auf der anderen Seite lässt die Feministin Viktoria wie selbstverständlich den Macker heraushängen, wenn sie ihrem Sohn rät, er soll endlich seine Mitbewohnerin flachlegen.

Mark Monheim: Aber es wirkt glaubwürdig, im Buch wie in der Inszenierung. Man hat nie das Gefühl, eine Frau spielt einen Mann und ist todunglücklich dabei. Viktoria ist es als Verlagschefin gewohnt, zu führen und Ansagen zu machen, damit der Laden läuft. Es gibt viele Komödien wie "Der Teufel trägt Prada", in denen die Grandes Dames des amerikanischen Kinos verhärmte Firmenchefinnen spielen, die herrschsüchtig ihr wahres Inneres verbergen. Diese negative Konnotation wollten wir unbedingt vermeiden.

Sind die Männer das schwache Geschlecht? Müssen sie lernen, sich zu emanzipieren?

Mark Monheim: Auf den ersten Blick erweckt besonders Viktorias Ehemann, der Schriftsteller Dieter, diesen Eindruck, weil er sehr viel mit sich machen lässt. Er lebt in der Kellerwohnung ihres Hauses, macht die Wäsche und mäht den Rasen. Dafür bekommt er ein bisschen Geld, da er von seiner Arbeit als Autor nicht leben kann. Aber Dieter ist nicht unzufrieden damit. Die alten Männerideen von Ehre und Würde sind ihm nicht wichtig. Er fühlt sich nicht erniedrigt, sondern frei in seiner selbstgewählten Rolle als Hausmann und Gärtner. Eigentlich ist es ein wunderbarer Lebensentwurf.

Martin Rehbock: In einer zentralen Szene kommt es zu einem heftigen Streit zwischen den Geschlechtern. Die Frauen hauen ihre Meinung so richtig heraus, die Männer geben sich kleinlaut. Alle üblichen Zuschreibungen funktionieren hier nicht mehr. Und das einzige, was dem Vater in diesem Moment einfällt, ist eine Frage in die mit sich allein gelassene Männerrunde: Gehen wir noch einen trinken? Da geht die ganze Männlichkeit in 20 Sekunden baden. Das gefällt mir, weil wir aus diesen Klischees und Rollenverständnissen ausbrechen müssen. Bei Jan kommt noch etwas anderes hinzu: Er hat lange ein falsches Bild von sich selber gehabt, bis er feststellt, es macht ihn doch nicht glücklich, im Buchladen zu sitzen und Proust zu zitieren. Dass er der Hochkultur abschwört und als Witzeschreiber anfängt, hat nichts mit dem Ausverkauf seiner Ideale zu tun, es ist Ausdruck seiner persönlichen Freiheit.

Mark Monheim: Unsere Figuren sind frei, weil sie sich den Anforderungen an die Männlichkeit und den kulturell geprägten Erwartungen an sich selber widersetzen. Vielleicht befreien auch wir Filmemacher uns davon, indem wir Figuren wie Jan erfinden.

Filmliebhaber werden in "Die Freundin meiner Mutter" Motive aus der romantischen Komödie "Notting Hill" entdecken. Hegen Sie nicht ein großes Misstrauen gegen die Glücksversprechen des Genres?

Martin Rehbock: Ich bin ein großer Fan von Drehbuchautor Richard Curtis, der auch "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" geschrieben hat. Ich schaue seine Kinofilme gern, auch wenn ich mir manchmal wünsche, dass sie erst dort anfangen, wo sie aufhören. Es ist eben nicht damit getan, dass sich zwei Menschen verlieben. Jetzt geht das Abenteuer ja erst los. Man verspricht sich die guten wie die schlechten Zeiten, aber an die schlechten denkt nie einer. Doch die kommen mit Sicherheit. Dann zeigt es sich, was man zusammen drauf hat.

Mark Monheim: Im Kino gibt es klare Zielgruppen, im Fernsehen muss man mit einem Film potenziell jeden erreichen können. Die Herausforderung bestand für uns darin, sowohl für das ältere, nicht so offene Publikum zugänglich zu sein, das nicht in der Großstadt lebt und vielleicht sagt, Mensch Junge, müssen wir denn jetzt alles toll finden, was es an neuen Lebensmodellen gibt? Und zugleich ein junges Publikum attraktiv zu unterhalten, für das homosexuelle Partnerschaften das normalste der Welt sind.

3 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.