Jonathan Berlin spielt Tommy Skagen

Möchte Tommy (Jonathan Berlin) helfen: Martha (Senta Berger)
Jonathan Berlin in seiner Rolle als Tommy. | Bild: NDR/Andrea Hansen / Jan Raiber

Es ist vermutlich lange her, dass Tommy Skagen mit unversehrtem Gesicht durch die Gegend gelaufen ist. Tagsüber studiert er Jura, abends ignoriert er das Gesetz. Er verdient sich seinen Lebensunterhalt mit illegalen Mixed-Martial-Arts-Fights. Das ist die eine Seite, die starke kämpferische, aber auch selbstzerstörerische. Die andere Seite ist Tommys aufopferungsvolle Sorge um seinen kleinen Bruder Winnie. Als der Vater wegen Totschlag ins Gefängnis musste, hat Tommy das Sorgerecht bekommen. Für ihn ist sein Vater tot. Dabei ist Tommy gar nicht so hart. Wenn er einen Moment lockerlässt, fließt ihm zarteste Klaviermusik aus den Fingern. Aber locker lassen heißt auch: die Deckung vernachlässigen. Alle wollen helfen. Martha spielt Mutter und mischt sich viel zu tief ein. Max will ihm das normale Boxen nahebringen. Das bringt zwar Geld, aber lässt keinen Raum für Tommys Aggressionen. Sein Vater hat auch gedacht, er weiß, was das Beste für Tommy ist. Wusste er aber nicht.

Interview mit Jonathan Berlin

»Letztendlich ist seine Geschichte eine Geschichte über das Loslassen«

Tommy Skagen vereint ungewöhnliche Talente in sich. Was hat Sie an ihm interessiert?

Genau diese Widersprüche: auf der einen Seite der Kampfsport, auf der anderen das Klavierspielen; da die Härte, da die Weichheit, die aber am Ende eine Einheit ergeben und in Tommys Person ohne einander quasi nicht existieren können. Diese zwei markanten Elemente als Überbau für ein Trauma und einen enormen inneren Kampf zu haben, war eine wahnsinnig tolle Herausforderung. Solche Figuren spielen zu dürfen, das ist wirklich selten.

Mit Senta Berger stand Ihnen hier eine Kollegin gegenüber, die sehr viel Berufs- und Lebenserfahrung mit in so ein Projekt bringt. Was ist Ihnen davon in besonderer Erinnerung geblieben?

Das war für mich natürlich ein wahnsinniges Geschenk. Senta ist eine sehr großzügige, wache, präzise Spielpartnerin, man spürt all ihre Erfahrung. Ihr enormer Respekt im Umgang mit den Menschen, mit denen sie arbeitet, ist wirklich toll. Sie hat wahrhaft Grazie, im allerbesten Sinn. Uwe Kockisch in seiner trockenen Art und Unmittelbarkeit und genauso großen Herzlichkeit war eine ebenso große Bereicherung für mich, ich konnte viel mit ihm lachen in den Drehpausen. Von beiden durfte ich wirklich viel lernen, dafür bin ich ihnen sehr dankbar

Für den kleinen Winnie ist Tommy Bruder, Versorger und Vater in einem. Eine enorme Verantwortung. Was macht das mit ihm?

Im Prinzip überfordert es ihn komplett, aber er versucht dieser Verantwortung mit eiserner Disziplin gerecht zu werden, den Kampf im wahrsten Sinne zu Ende zu bringen. Sein kleiner Bruder ist die letzte Person, die ihm von seiner Familie geblieben ist – für ihn opfert er sich dementsprechend auf, mit allem, was er hat. Er selbst bleibt dabei aber auf der Strecke.

Wie sieht Tommy seine hilfsbereite neue Nachbarin Martha?

Tommy kann sehr gut Menschen scannen und hört gut zu. Ich glaube, er spürt sehr schnell, dass Martha ebenso verwundet ist wie er selbst, dass sie etwas Essenzielles in ihrem Leben verloren hat und ihm gleichzeitig voraus ist, was die reine Lebenserfahrung angeht. Ich denke, dieses Gefühl, von ihr lernen zu können, sich aber gleichzeitig mit ihr zu duellieren, verbunden mit einer sehr großen (mütterlichen) Fürsorge und Wärme ihrerseits, zieht ihn an ihr an.

Was kann Tommy von jemanden wie Martha lernen? Was kann ein 26-Jähriger von einer älteren Dame lernen und umgekehrt?

Ich glaube, beide sehen im anderen im Prinzip eine Art Spiegelbild, nur in unterschiedlicher Ausprägung: Tommy kämpft ums Loslassen und erkennt in Martha eine Weichheit, die ihm fehlt. Martha kämpft ebenso, wird aber mit Tommys Direktheit und Härte konfrontiert, die sie braucht, um das Verdrängen ihres Traumas zu beenden. Sie sind zwei Seiten einer Medaille, wenn man so will. Dadurch ist es fast naheliegend, dass sie auch aus zwei unterschiedlichen Generationen kommen.

Durch die Lebensumstände fehlen Tommy Ratgeber und positive Vorbilder. Können Martha und ihr Freund Max das für ihn in sein?

Durchaus, man könnte sagen, sie sind wie zwei Paten, die ihm plötzlich zur Seite gestellt werden, zwei Weggefährten, die ihm wichtige Geleite sind, an denen er sich orientieren kann.

Tommy macht am Klavier und beim Bare-Knuckle-Fight eine gute Figur. Was haben Sie mitgebracht für die Rolle? Was war die schwerste Hürde?

Ich hatte ein wenig Klavierkenntnisse, aber die waren wirklich mau. Ich habe immer viel Sport gemacht, war im Leistungschwimmen, Tennis und all das. Mit Kampfsport hatte ich noch nie zu tun, hatte aber wahnsinnige Lust, mich in diese Welt hineinzubegeben. Tatsächlich war es die größte Herausforderung, diese zwei Komponenten des MMA und Klavier miteinander zu verbinden – schon rein körperlich betrachtet –, weil beides enorm auf die Hände bzw. Arme geht. In den ersten zwei Monaten der Vorbereitung war ich oft am Rande einer Sehnenscheidenentzündung, das war ein Drahtseilakt.

Wie sah Ihre Vorbereitung konkret aus?

Ich fing fünf Monate vor Drehbeginn an mit der körperlichen Vorbereitung für den MMA-Teil, wenige Wochen später kam das Klavier dazu. Ich hatte lange MMA-Sessions mit meinem großartigen Trainer Mike Möller, dazu jede Menge Stunden im Fitnessstudio, pro Woche waren das fünf bis sechs Trainingseinheiten. Zweimal in der Woche hatte ich dann noch Klavierunterricht, manchmal bin ich direkt vom Training zum Klavierunterricht, und da merkt man dann schon die krasse Widersprüchlichkeit zwischen diesen zwei Welten. Eigentlich bestand mein Leben in dieser Zeit vor allem aus Training, Essen, Klavier, wieder Essen, Klavier, schlafen, Training, und so weiter…

Welche Vorbilder waren wichtig für Sie?

Ich hatte mich immer wieder mit verschiedenen ProfiSportlern beschäftigt, mir viel über ihre Routine angelesen, aber natürlich auch mit verschiedenen Schauspielern, die sich in solche Rollen reingeworfen haben. Was für eine Verwandlung zum Beispiel Jake Gyllenhall in "Southpaw" als Boxer durchmacht, ist Wahnsinn. Ryan Gosling hat sämtliche Klavierszenen in "LaLa-Land" selbst gespielt, all sowas hat mich angetrieben.

Tommy verteidigt die Welt der Kampfarenen auch argumentativ. Wie würden Sie seine Haltung zu Gewalt beschreiben? Ist er gefährdet?

Nun ja, Tommy sagt zwar, dass Gewalt für alles eine Lösung sei, aber er trennt sehr klar für sich den Bereich, in dem er sie ausübt. Ich glaube, dadurch, dass er die Gewalt eindeutig kanalisiert, beugt er gerade dem vor, so zu werden wie sein Vater. Er beschützt seinen Bruder, indem er Kämpfe für Geld austrägt. Die körperliche Gewalt hält er in erster Linie selbst aus, richtet sie quasi gegen seine eigene Person, seinen eigenen Körper. Andere haben von ihm außerhalb der Kämpfe wenig zu befürchten.

Wie sehen Sie diese Kampf-Welt persönlich? Wie waren Ihre Erfahrungen damit?

Mein Gefühl war, dass neben der vermeintlich vorherrschenden Gewalt die Philosophie und natürlich auch die Technik, ein gegenseitiger Respekt zwischen den beiden Kämpfern, wahnsinnig entscheidend sind im MMA. Ich bin ein absolut pazifistischer Mensch, aber sich in der gegenseitigen Absprache auf diese absolute, geführte Archaik einzulassen, hat wiederum etwas wahnsinnig Feines, Intimes, Respektvolles. Mit meinem Schauspielcoach hatte ich dazu ein Video analysiert: Ein Gnu und ein Löwe, die sich in einen nicht enden wollenden Kampf verfangen hatten … unfassbar traurig, weil man weiß, einer der beiden wird es vermutlich nicht überleben. Aber in dem Kampf, so erbittert er geführt wurde, gab es immer wieder Momente der Ruhe, des Durchatmens. Als würden sie sich da sagen: "Entweder du darfst gehen oder gewinnen." Das hat neben dieser erschreckenden Brutalität auch eine enorme Schönheit. Und die findet sich im MMA wieder.

Tommy findet schließlich seine eigene Art, mit den Zumutungen des Vaters umzugehen. Wie sehen Sie seine Entwicklung?

Letztendlich ist seine Geschichte eine Geschichte über das Loslassen. Ich finde da einen Satz, den Martha in einem Brief an Max schreibt, wunderschön: „Wie lebt man mit den Toten?“ Auch er muss seine Mutter gehen lassen, sein Vater ist für ihn auf eine Weise auch gestorben, sein Bruder wird ihm weggenommen. Wie kann er das ertragen, ohne sich selbst zu verlieren? Wie kann er seine Größe wahren? Ich glaube, diese Fragen sind für ihn am Ende des Films nicht gelöst, aber er hat wieder auf einen Weg gefunden, der ihn freier machen könnte, der ihn womöglich vom ewigen Kampf erlösen könnte.

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