Senta Berger spielt Martha Bender

Martha (Senta Berger)
Senta Berger in ihrer Rolle als Martha Bender. | Bild: NDR/Andrea Hansen / Jan Raiber

Helfen, das liegt Martha Bender. Die ehemalige Ärztin lässt doch den kleinen Winnie Skagen nicht den ganzen Tag auf der Treppe sitzen und auf seinen Bruder Tommy warten. Ein alleinerziehender Bruder? Martha ist skeptisch. Das Tommys Gesicht mit Kratzern und Blutergüssen überzogen ist – ein Alarmsignal. Also hilft Martha. Winnie darf öfter kommen und Tommy schenkt sie ein Klavier. Aber Tommy ist gar nicht so dankbar, wie sie es gewohnt ist, sondern drischt auf das Klavier ein. Sie sei nicht seine Mutter. Aber Mutter war sie mal. Und das hat Wunden hinterlassen, für die ihre medizinischen Fähigkeiten nicht ausreichen. Nie wieder will Martha die Kontrolle verlieren. Sie hat einen Liebhaber, Max Lorenz, ein sanfter Boxtrainer. Aber Boxen ist Gewalt. Sie weigert sich, Kämpfe zu besuchen. Aber vielleicht ist das auch nur eine Ausrede, eine Gewohnheit. Max braucht keine Hilfe, dafür Martha umso mehr. Und Max weiß das.

Interview mit Senta Berger

»Was mir an Martha gefällt, ist ihre Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber«

Der Film erzählt davon, was zwei Menschen sich über Altersunterschiede und Geschlechtergrenzen hinweg geben können, wenn sie sich füreinander öffnen. Was hat Sie für diese Geschichte eingenommen?

Ohne, dass es in unserer Geschichte ausgesprochen wird oder werden muss, geht es um Vergebung. Um die Kraft für Vergebung. Nicht nur dem Anderen zu vergeben, sondern auch sich selbst. Und das ist wohl das Schwerste. Die Geschichte zweier Brüder, der eine noch ein Kind, der andere fast noch ein Kind, der bereits die Verantwortung eines Mannes auf sich nehmen muss, hat mich berührt. Diese Geschichte wollte ich mit erzählen. Holger Karsten Schmidt kann Menschen und ihre Lebenssituationen erfinden, die sich nicht auf den ersten Blick eröffnen. Erst ist das Bild noch heil und glatt. Dann blättert die Farbe ab, Schicht um Schicht, Brüche werden sichtbar. Das ist sehr spannend.

Wie würden Sie Martha und Ihren Zugang zu der Figur beschreiben?

Die Brüder sind auf der Flucht vor ihrem Vater, der die beiden auseinanderreißen will, und Martha ist auf der Flucht vor sich selbst. Tommy, der ältere Bruder, ist überfordert und kann sich das nicht eingestehen, Martha kann sich ihre Versäumnisse nicht vergeben. Ohne, dass es ausgesprochen werden muss, fühlen sich Martha & Tommy verbunden. Marthas Vergangenheit als Ärztin in Entwicklungsländern wird nur kurz angedeutet, – aber mir war ihre Biografie sofort vorstellbar. Ich habe durch mein Kennenlernen verschiedenster Hilfsprojekte in Asien oder Afrika so viele an ihre Arbeit hingegebene Ärzte getroffen, deren Familienleben in ihren Heimatländern durch die vielen und langen Trennungen am Zerbrechen oder schon zerbrochen waren.

Ich habe mir vorgestellt, dass Martha sich mit dieser Ausschließlichkeit auf ihre Arbeit konzentriert hat und die Krise, aus der ihre Tochter keinen Ausweg mehr sah, nicht einmal wahrgenommen hat. Wie wird man mit so einer unkorrigierbaren Situation fertig? Wie bitter, dem eigenen Kind nicht geholfen haben zu können! Kann man die eigene Schuld abtragen, weniger niederdrückend machen, indem man allen anderen Hilfe anbietet und leistet? Ist das ein Weg? Abbitte leisten? Tommy hat ein sehr sicheres Gefühl für Marthas Zuwendung und wehrt sich gegen ihre Vereinnahmung, sei sie auch noch so gut gemeint. Das sind ehr schöne, spannende Szenen, die Holger Karsten Schmidt für die beiden geschrieben hat.

Als Tommy und Winnie in die Wohnung unter Marthas ziehen, entwickelt sich rasch ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis. Martha & Tommy umkreisen einander und merken schnell, dass sie verwandte Seelen sind. Worin ähneln sie sich?

Ich glaube, dass beide sich stark geben und ihre eigene Verletzlichkeit weder zeigen noch zulassen. Beide brauchen Hilfe. Beide lassen Hilfe nicht zu. Natürlich sieht Martha in der elternlosen Situation für Tommy und seinen kleinen Bruder auch eine Aufgabe für sich selbst.

Als Martha Tommy das Klavier ihrer Tochter schenken will, ahnt sie nicht, welche heftige Abwehr sie damit bei ihm auslöst. Es kommt zu einem Eklat. Wie sind Sie an diese schwierige Szene herangegangen?

Martha überschreitet hier eine Grenze, das wird ihr erst später klar. Sie weiß, dass Tommy recht hat, wenn er ihre Fürsorge als eine Art Wiedergutmachung an Marthas verstorbener Tochter versteht. Die Szene enthält große Aggressionen. Ich glaube nicht, dass Jonathan Berlin die Szene als schwierig empfunden hat. Ich auf jeden Fall nicht. Für uns beide hatte die Szene auch etwas Befreiendes. Das Anstrengende an solch einer dramatischen Szene sind die Wiederholungen für diese oder jene Kameraposition. Die Energie zu halten, sich immer wieder daran zu erinnern, wie man die Szene spielen wollte, zum Ursprung zurückzukehren und jede nur mechanische Ausführung zu vermeiden, das mag schwierig sein, – aber auch das gehört zu meinem Beruf, der durchaus nicht immer leicht fällt.

Martha ist eine engagierte, warmherzige Figur mit einer klaren Haltung. Eine Figur, die zum Vorbild taugt. Sie selbst stehen seit Jahrzehnten in der Öffentlichkeit und stellen als selbstbewusste, meinungsfreudige, engagierte Frau für unzählige andere ein Vorbild dar. Füllen Sie diese Rolle gern aus?

Es ist mir nicht bewusst, dass ich ein Vorbild bin.

Sie sind ja kein Mensch, der sich zurücklehnt und sagt, ach, ich habe genug erreicht, ich kümmere mich jetzt nur noch um mich selbst. Steckt nicht auch viel von Martha in Ihnen? Und ist es nicht wichtig, gute Vorbilder zu haben?

Bitte verwechseln Sie nicht Martha mit mir. Und dann, ich empfinde Martha nicht als Vorbild, zumindest nicht für die in der Gesellschaft als "gut" akzeptierten Eigenschaften. Was mir an Martha gefällt, ist ihre Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber, ihr Tun und Handeln in Frage zu stellen, sich ohne Selbstmitleid dem Leben und dem Weiterleben zu stellen. Das braucht viel Kraft. Sie hat sie und das beeindruckt mich. Aber "Vorbild"? Gibt es das so ungebrochen in unserer Gesellschaft? Hat es das überhaupt je gegeben? Meine Volksschullehrerin habe ich geliebt. Sie hat mir mit zehn Jahren Bücher zum Lesen gegeben, weit über Jugendbücher hinaus, und hat mein Interesse an Literatur geweckt. Meine Tanzlehrerin Karla Denk in der Akademie für Darstellende Kunst habe ich geliebt. Sie hat mir so viel über Körpersprache beigebracht. Sie hat geraucht wie ein Schlot – wie viele Tänzer. Sie ist mir unvergesslich. Aber ein "Vorbild"? Nein.

Eine Frau, die ich bewundert habe, war meine Mutter. Ist meine Mutter. Je älter ich werde, desto mehr ist sie mir Beispiel, und ja – Vorbild. Diese Kraft, das Leben anzunehmen. Dieser Kinderglaube an die Menschen. Diese allumfassende Liebe. Ihr Humor, ihr Lachen – ihre Naivität eines jungen Mädchens. Ich möchte so sein, aber ich kann es nicht. Ihr Vorbild aber gibt mir Kraft und tröstet mich auch in so mancher Lebenssituation. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich Vorbild für andere bin. Es kann sein, dass ich, die schon so lange in der Öffentlichkeit arbeitet und ja, auch immer wieder Gelegenheit hat, ihre Meinung in der Öffentlichkeit zu sagen – durchaus angreifbare Meinungen, aber halt meine –, damit zu einem "Vorbild" wird. Kann sein, dass mancher oder manche von meinem Lebensweg beeindruckt ist und von meinen Möglichkeiten als Schauspielerin. Aber deswegen wird man nicht zum Vorbild. Ich glaube, manche Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, tragen dazu dabei, dass man ihnen und ihren Aufgaben vertraut und sie zu den eigenen Themen macht, sie diskutiert und weiterträgt. An sozialer Arbeit habe ich viel zu wenig gemacht, zur Aufarbeitung unserer gesellschaftlichen Vergangenheit in Deutschland habe ich viel beigetragen. Aber deswegen kann und will ich nicht auf dem Sockel für ein "Vorbild" stehen.

Martha Bender steckt in einer tiefen Krise; nach dem Tod ihrer Tochter gelingt es ihr nicht, loszulassen und nach vorn zu schauen. "Wie lebt man mit den Toten?", fragt sie an einer Stelle. Was würden Sie Ihrer Figur antworten?

Man "lebt"mit ihnen. Lebt. Die Toten verlassen einen nie. Auch der Schmerz um den Verlust geliebter Menschen verlässt einen nie. Das muss man lernen, auszuhalten. Ich halte fast täglich Zwiesprache in Gedanken mit den Lieben, die nicht mehr greifbar um mich sind, aber sie sind immer noch für mich da. Ich sage ihnen, wie dankbar ich bin, dass sie mich durch all die Jahre behütet haben und eingehüllt in Liebe. So manches Unrecht, das ich an ihnen begangen habe, versuche ich zu erklären, manches kann ich rechtfertigen, manches nicht. Auch damit muss ich leben. Damit muss auch Martha leben.

4 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.