Holger Karsten Schmidt (Drehbuch)

Tommy (Jonathan Berlin) wehrt sich gegen Marthas (Senta Berger) gutgemeinte Einmischung.
Szene aus dem Film: Tommy wehrt sich gegen Marthas gutgemeinte Einmischung. | Bild: NDR/Andrea Hansen / Jan Raiber

Holger Karsten Schmidt gehört zu den renommiertesten Drehbuchautoren unseres Landes. Er wurde 1965 in Hamburg geboren, arbeitet seit 1995 als freier Drehbuchautor für Fernsehen und Kino und ist seit 2011 auch als Romanautor erfolgreich. Neben seinen Drehbüchern für die Kinofilme "14 Tage lebenslänglich" und "Nebel im August" schrieb er die Vorlagen zu zahlreichen Fernsehfilmen. 2010 erhielt Holger Karsten Schmidt für sein Buch zu dem Kriminalfilm "Mörder auf Amrum" erstmals den Grimme-Preis, der ihm 2014 für "Mord in Eberswalde" ein zweites Mal und 2017 für "Das weiße Kaninchen" ein drittes Mal zuerkannt wurde. Für "Mord in Eberswalde" wurde er 2013 außerdem mit dem Deutschen Fernsehkrimi-Preis geehrt. Sein Mehrteiler "Gladbeck" brachte ihm 2019 den Deutschen Fernsehpreis und den Bayerischen Fernsehpreis ein. 2020 wurde er für "Das Gesetz sind wir" mit dem Deutschen Fernsehkrimipreis prämiert. Außerdem schrieb und konzipierte Holger Karsten Schmidt mehrere Reihen, wie "Harter Brocken" und "Nord bei Nordwest" von NDR und ARD Degeto. Seinen auf einer wahren Geschichte beruhenden Krimi "Die Toten von Marnow" haben NDR und ARD Degeto fürs Erste und verfilmt; er ist am 13., 17. und 18. März 2021 als Mini-Serie im Ersten zu sehen.

Interview mit Holger Karsten Schmidt

»Zwei Lebenslinien kreuzen sich, und am Ende geht jeder für sich weiter«

Sie haben mit der pensionierten Ärztin Martha und dem Studenten Tommy eine ungewöhnliche Figurenkonstellation geschmiedet. Was wollten Sie erzählen?

Ich wollte von zwei Außenseitern erzählen, die an einem Punkt in ihrem Leben angekommen sind, an dem sie nicht mehr weiterkönnen oder weiterwissen. Diese beiden treffen aufeinander, und obwohl sie unterschiedlichen Geschlechts sind und es einen Generationenunterschied gibt, finden sie im Anderen eine verwandte Seele und schaffen es, ihre Krisen mit der Hilfe des jeweils anderen zu bewältigen. Zwei Lebenslinien kreuzen sich, und am Ende geht jeder für sich weiter. Auch das war mir wichtig, dass sie am Ende der Geschichte auch wieder ihrer Wege gehen und nicht irgendein Pärchen bleiben.

In der Figur des Tommy lassen Sie die Welt der Musik und die knallharte Welt der Bare-Knuckle-Fights aufeinanderprallen. Gab es dafür ein Vorbild?

Nein, das ist bloß wie Yin und Yang in einem Leben, die zwei Seiten einer Medaille. Hier die pure brutale Konfrontation, die Kämpfe, die man im Leben hinter sich bringen muss. Und da die Musik, die Feingeistigkeit, die Sensibilität. Das sind natürlich ganz starke Kontraste, die in dem Jungen widerhallen. Ich fand diesen Kontrast bildlich und auch erzählerisch sehr schön. Beides wohnt in diesem Jungen, und ich fand es spannend, das nach außen zu stülpen.

Stehen die Kämpfe sinnbildlich für seine Rebellion gegen den Vater?

Einerseits sehnt Tommy sich nach der Wahrheit, nach Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit und auch danach, dass er sein eigenes Leben leben darf. Der Vater hat ihn als seinen Nachfolger präpariert, hatte Großes mit ihm vor. Aber Tommy hat irgendwann gemerkt, dass er ein selbstbestimmtes Leben führen möchte. Noch hängt jedoch der Schatten des Vaters über ihm. Der Kampf, den er führt, hat auch etwas Selbstzerstörerisches. So wie Martha letztendlich keinen Sinn mehr sieht an dem Punkt, an dem sie steht, und sich darauf vorbereitet, ihrer Tochter nachzufolgen, zerstört Tommy sein Talent. Er zerkloppt sich buchstäblich die Finger und Hände. Das Klavier ist der Inbegriff, die Repräsentation seines Vaters, und am Ende muss er das eben trennen. Er muss seinen Vater überwinden, dann kann er sich auch wieder ans Klavier setzen und spielen.

Die Hauptfiguren wissen ihre Schwachpunkte geschickt zu verbergen. Sie lassen die beiden kräftig aneinander rasseln, bevor sie sich richtig anfreunden können. Wie sehen Sie die Entwicklung zwischen den beiden?

Für mich ist das von Anfang an eine leise, zarte Annäherung, die dann auf einen Konflikt zusteuert, in dem es ums Eingemachte geht, in dem sie sich einfach mal die Wahrheit ins Gesicht sagen: Er kann Klavier spielen, will es aber nicht und liefert sich diese hässlichen Kämpfe. Und sie kommt über den Tod ihrer Tochter nicht hinweg, weil sie sich die Verantwortung zuschiebt. Der ganze Schein, den sie aufrechterhalten – er, der Jurastudent, der angeblich im Hafen arbeitet, und sie, die liebe Seele des Wohnblocks, die sich um alle kümmert – das sind Fassaden; das sind Überlebensstrategien der beiden. Und in dem Moment, wo sie sich die Wahrheit sagen, findet erst mal eine Entfernung voneinander statt, nach der es zu einer langsamen, ehrlichen Annäherung kommt.

Während Tommy Gewalt als Mittel zur Lösung von Konflikten betrachtet, verabscheut Martha jede Gewalt. Die beiden Positionen sind nicht zufällig in der Mitte der Geschichte gegeneinandergestellt, oder?

Dass sie in der Mitte gegeneinanderstehen, war mir gar nicht bewusst. Martha hat einfach eine idealistische Vorstellung davon, wie es sein sollte. Also, dass man gebildet und zivilisiert genug sein sollte, um einen Konflikt ohne Gewalt zu lösen. Tommy ist eher der Realpolitiker. Wenn jemand sagt: Mit Gewalt lassen sich keine Konflikte lösen, dann ist das ja schlicht und einfach Unsinn. Man braucht sich nur anzusehen, wie viele Konflikte in der Weltgeschichte mit Krieg entschieden worden sind. In dem Sinne ist Tommy ein Realist. Er sagt, selbstverständlich lassen sich Konflikte mit Gewalt lösen. Aber das ist natürlich nicht wünschenswert; in einer idealen Welt ist das ein No-Go.

Joyce Carol Oates, die Tommy im Film zitiert, begeistert sich für Boxkämpfe und versteht sie als Sinnbild fürs Leben. Wie ist Ihre Einstellung dazu?

Früher habe ich mir besondere Kämpfe angesehen – Tyson vs. Holyfield etwa. Jetzt habe ich mir im Zuge der Recherche für dieses Drehbuch einige angesehen, dieses Mal aber schwerpunktmäßig Martial-Arts-Kämpfe. Bestimmte Kampftechniken, die Schnelligkeit, die Nehmerqualitäten einiger Kämpfer, das ist durchaus beeindruckend. Ein Sinnbild des Lebens stelle ich mir allerdings anders vor.

Während Tommy und Martha sich nach ihrem Eklat wieder annähern, bleibt Victor Skagen eine Figur, an der der Junge sich abarbeiten muss. Sie lösen den starken Konflikt zwischen Vater und Sohn nicht auf. Warum?

Wenn der Vater am Ende käme und sagen würde: Ich sehe, du kümmerst dich ganz toll um Winnie, dann will ich dir den nicht nehmen, lass uns versöhnen usw., dann hätten wir ein Happy End, und das wollte ich nicht. Ich wollte keinen Disney-Ausgang, weil ich versucht habe, das Ganze authentisch und nüchtern zu erzählen. Es gibt tatsächlich Charaktere, die nicht zugänglich sind für bestimmte Themen, die einfach dichtmachen. Teilweise geschieht das aus Selbstschutz, und so würde ich das bei Viktor Skagen auch sehen. Wenn dieser Mann sich eingestehen würde, was für einen Mist er in allen Varianten gebaut hat, müsste er sein Leben neu beginnen, aber er steht schon fast am Ende seines Lebens. Tommy wiederum muss lernen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Das müssen wir alle. Alle Kinder gehen irgendwann aus dem Haus, verlassen das Nest und müssen dieses Leben einfach allein hinkriegen. Tommy hat das aufgeschoben, er hat sich noch nicht von seinem Vater emanzipiert. Das geschieht erst ganz am Ende des Films, als er ihm souverän gegenübertritt und ihm sagt, was der kleine Bruder braucht, als er sich immun gemacht hat, gegen die Anfechtungen des Vaters und ihm den Bruder übergibt.

Marthas Freund Max stammt aus dem Boxmilieu. Ist er das Bindeglied zwischen den Welten?

Max hat nichts mehr mit sich auszumachen, er ist im tiefen Frieden mit sich. Deshalb kann er anderen auch helfen, wo es nötig ist, und ein Vermittler zwischen den Figuren und den unterschiedlichen Welten sein. In einem Boxfilm wie "Rocky" wäre er der väterliche Mentor. Und für Martha ist er ein sehr guter Freund. Obwohl er vermutlich aus einfacheren Verhältnissen kommt als Martha, besitzt er doch eine Lebensklugheit, mit der er ihr helfen kann.

Sie wussten, dass Senta Berger die Rolle der Martha spielen würde. Hat sich das auf Ihr Schreiben ausgewirkt?

Ich bewundere Senta Berger, seit ich Filme schaue, sie ist eine großartige Darstellerin. Aber wenn ich schreibe, habe ich eigentlich nie Leute vor Augen. Ich vertraue darauf, dass die Figuren, die ich schreibe, entsprechend gecastet werden und die Darsteller diese Rolle ausfüllen können. Wenn man Senta Berger an Bord hat, muss man sich diesbezüglich natürlich gar keine Sorgen machen. Petra K. Wagner hat die Geschichte toll umgesetzt, und sowohl Frau Berger als auch Herr Berlin spielen für meine Begriffe ganz großartig. Dass die Geschichte, wie ich sie beim Schreiben im Kopf habe, durch die Verfilmung zerstört wird, gehört im Leben eines Drehbuchautors einfach dazu. Auch diese Verfilmung zerstört meine eigene Vision, aber es ist eine erfreuliche Zerstörung.

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