Petra Katharina Wagner (Regie)

Tommy (Jonathan Berlin) und Martha (Senta Berger)
Behutsam nähern sich Martha und Tommy an.  | Bild: NDR/Andrea Hansen / Jan Raiber

Petra Katharina Wagner ist Regisseurin, Autorin und Produzentin. Sie wurde 1958 geboren. Für ihre Arbeiten erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen. Einer ihrer ersten Filme, "Oskar und Leni" (1999), war für den Max-Ophüls-Preis, sowie den Grimme-Preis nominiert und erhielt mehrere internationale Auszeichnungen. 2006 entstand "Maria an Callas" mit Götz George und Claudia Michelsen in den Hauptrollen, der zu diversen nationalen und internationalen Festivals eingeladen wurde. "Aussteigen" (2017) über den Ausstieg aus einer Psychosekte war ihr erster Dokumentarfilm und nominiert für den Deutschen Fernsehpreis 2018. "Frankfurt, Dezember 17" (ARD, Mittwochsfilm) erhielt den Medienkulturpreis des Festivals des Deutschen Films Ludwighafen und war nominiert für den Grimme-Preis 2018. Ihr nach einem Buch von David Ungureit für den Hessischen Rundfunk inszenierter "Tatort: Die Guten und die Bösen" wurde mit dem Sonderpreis des FernsehkrimiFestivals Wiesbaden für die Regie prämiert und erreichte im April 2020 9,57 Millionen Zuschauer.

Interview mit Petra Katharina Wagner

»Das ist eine große Freude, diese Kraft und Kunst zu erleben«

Worin liegen für Sie die Besonderheiten dieser Geschichte?

Mich haben die beiden Welten in dem Buch gereizt. Da ist einerseits die Geschichte des jungen Mannes, der sowohl ein begabter Klavierspieler als auch ein sehr guter Martial-Arts-Kämpfer ist und sich bei diesen Kämpfen ein bisschen Freiheit und Selbständigkeit erkämpft. Auf der anderen Seite ist da eine Frau, die in ihrer Trauer um ihre Tochter versunken ist. Und zwischen diesen beiden entsteht eine Art Freundschaft. Wir erzählen, wie eine Begegnung zwischen zwei völlig unterschiedlichen Menschen für beide eine Kraft entwickeln kann. Besonders gut gefiel mir daran, dass hier nicht viel Background erzählt wird. Wir steigen direkt in die Begegnung der beiden ein und schauen zu, was sich daraus entwickelt. Das fand ich von der Dramaturgie her sehr interessant, und es machte mir auch möglich, filmisch an die Sache heranzugehen, ohne viel erklären zu müssen. Ich finde es immer besser, wenn Erklärungen nebenbei passieren oder nicht nötig sind. Das Buch war eine ideale Basis dafür, und das hat mir Freude gemacht.

Senta Berger spielt Martha. Sie blickt auf eine lange Karriere zurück und sucht sich ihre Rollen mit Bedacht aus. Inwiefern hat sie die Figur entscheidend mitgeprägt? Was war das Besondere an der Arbeit mit ihr?

Es war eine wunderbare, erfüllende Erfahrung, wie Senta Berger mit diesem Projekt und mit ihrer Figur Martha umgegangen ist. Wir sind gemeinsam die Dialoge durchgegangen und haben sie hier und da erweitert und kleine Nuancen verändert. Das habe ich sehr gern angenommen und gehört ja auch zum Prozess. Senta Berger gibt ihrer Figur die Tiefe, die Traurigkeit aber auch die Leichtigkeit und Authentizität. Das ist eine große Freude mit so jemandem zu arbeiten und diese Kraft und Kunst zu erleben. Ein richtiges Geschenk. Dazu kommt, dass sie eine echte Filmfrau ist. Sie hat selbst mit ihrem Mann mit ihrer Produktionsfirma viele Filme gemacht, verfügt über so viel Erfahrung an allen möglichen großen und kleinen Sets. Und sie ist eine Schauspielerin, die sehr liebenswürdig und kollegial zum gesamten Team ist. Sie ist mit uns allen durch diesen Film gegangen ist, und ich hatte immer das Gefühl, sie an meiner Seite zu haben.

Welche Szene haben Sie in besonderer Erinnerung behalten?

Da fällt mir sofort die sehr bewegende Szene ein, in der Tommy das Klavier zerschmettert. So eine Szene kann man nicht proben. Man kann das Set einrichten und vorher ein bisschen über die Szene sprechen, aber es gibt einfach Szenen, die darf man nicht zerquatschen, die muss man in einer Offenheit belassen. Wir hatten das Klavier dort hingestellt und überlegt, wer welche Gänge macht und was so in etwa passiert, und wir hatten gesagt, dass wir gleich die erste Szene drehen. Textproben gab es keine vorher. In dem Raum selbst war nur das Team, und in einem kleinen Nebenraum saßen mit mir dicht gedrängt ungefähr fünfzehn Leute. Neben mir saß die Produzentin und schaute mit mir auf die Kameramonitore, und wir legten los. Niemand von uns war auf das vorbereitet, was dann kam. Wir saßen völlig gebannt da, hörten diesen wahnsinnigen Schrei von Senta und ich war so gebannt von dem, was ich da erlebte, dass ich fast das "Aus" vergaß. Auch das Team war ergriffen. Es flossen sogar Tränen. Das war natürlich ein Geschenk, dass Senta dieser Martha so viel Gefühl gibt – und ich finde, Jonathan steht ihr da in nichts nach. Das ist für mich eine sehr intensive Szene.

Wie haben Sie die gegensätzlichen Welten der Geschichte in Szene gesetzt?

Wir haben uns von Anfang an mit einem visuellen Konzept, einem Farbkonzept und mit einem Musikkonzept an diesen zwei Welten orientiert. Auch bei der Ausstattung haben wir natürlich geschaut, was man machen kann, um einerseits die warme gesicherte Welt von Martha zu erzählen und andererseits diese kalte und raue Kampfwelt und die Straße. Von den Räumlichkeiten her haben wir für die Unterschiedlichkeit der Welten auch eine gute Basis. Die Wohnung von Martha war ein Glücksfall für uns, weil wir dort genügend Platz hatten und die Räume unseren Vorstellungen passend gestalten konnten. Für die Kämpfe haben wir uns drei sehr verschiedene Orte gesucht und ein Areal gefunden, in dem die Ausstattung diese dann eingerichtet und gestaltet hat. Eigentlich ist nichts davon real vorgefunden, unsere Szenenbildnerin Monika Nix hat die drei verschiedenen Kampforte gebaut.

Wie war Ihre Arbeit mit dem jungen Jonathan Berlin, der hier einige besondere Herausforderungen zu bewältigen hatte?

Was Jonathan hier geleistet hat, was er in die Vorbereitung gesteckt hat und was er dann auch darbietet, das ist eine Riesenfreude. Er hat sehr viel Zeit und Arbeit investiert. Drei Monate lang hat er sowohl Klavierspielen gelernt, was er vorher nur wenig konnte, wie auch Martial Arts trainiert, und sich eine Kämpferstatur erarbeitet. Er hat sich das mit unserem Stammteam in einer Kampfschule alles draufgeschafft und auch die ganzen Kampfchoreografien mit seinen Gegenspielern einstudiert. Alles echt. Das gehörte für Jonathan zu seinem Rollenstudium und half ihm, sich in diesen Tommy einzufinden. Der harte Fight im Käfig und das sensible Talent eines Pianisten, das hat er in seiner Darstellung zusammengebracht. Diese Stücke von Chopin haben es in sich und er hat sie tatsächlich bei den Dreharbeiten mit Bravour selbst eingespielt. Das war eine enorme Leitung von ihm und für mich eine einzigartige Erfahrung.

Hatten Sie Berührungsängste, was die Welt der MixedMartial-Arts- und der Box-Kämpfe angeht?

Nein, ganz im Gegenteil, diese Kampfszene hat mich interessiert. Als Filmemacherin finde ich es gut, wenn ich andere Welten erzählen, entdecken und in sie eintauchen kann; da bin ich neugierig und das mache ich gern. In dem Fall war das war auch mit den Sportlern und dem Stuntteam eine extrem gute Erfahrung. Wir haben großen Wert daraufgelegt, authentisch zu sein. Ich habe mir viele Kämpfe angeschaut und war auch bei einigen Wettkämpfen; es gibt ja durchaus legale Meisterschaften. Ich fand das sehr reizvoll.

Hatten Sie einen Coach für die Kampfszenen?

Wir hatten den sehr versierten Stuntkoordinator Matthias Schendel, der sich auch in der Kampfszene gut auskennt. Mit dem haben wir die einzelnen Kämpfe Schritt für Schritt entwickelt. Die Gestaltung dieser Kämpfe muss man sich wie eine Choreographie vorstellen. Jeder Schlag sitzt, alles ist vorher genau durchdacht und vielfach geprobt. Letztendlich ist das ähnlich, wenn man mit Tänzern arbeitet und ein Ballett inszeniert. Jede Bewegung, jeden Umfaller können die Kämpfer jederzeit wiederholen, und sie können auch, wie Tänzer, an jedem Punkt erneut in den Kampf einsteigen. Den Ablauf haben wir vor Ort, und auch mit Hilfe von Videos immer wieder in verschiedenen Stadien angeschaut, verändert und verbessert. Das war ein sehr intensives Zusammenspiel von vielen Beteiligten, also mit Jonathan, den Fightern, dem Kameramann Peter Polsak unserem Team und mir.

Tommy und Martha nehmen unterschiedliche Haltungen zum Thema Gewalt ein. Wie ist Ihre Haltung dazu?

Ich würde persönlich nicht die illegale Kampfszene verteidigen und gutheißen. Aber als Filmemacherin finde ich es natürlich faszinierend, eine Figur zu zeigen, die auf einem schmalen Grat wandelt und auch Grenzen überschreitet. Wo es eine gute Wendung nehmen kann, wo aber auch der Abgrund, der Absturz relativ nah ist. In dieser Hinsicht finde ich diese Kampfwelt eine ausgesprochen gute Szenerie. Ich persönlich nehme am ehesten die Haltung von Martha ein. Sie lehnt Gewalt ganz klar ab; trotzdem hilft sie diesem Jungen, und verarztet ihn und unterhält sich mit ihm. Sie kriegt mit, dass es da etwas gibt, was sie vielleicht nicht gutheißt, versucht aber, sich in Tommy einzufühlen.

Mit Uwe Kockisch und Peter Lohmeyer sind auch die Nebenrollen prominent besetzt. Was geben sie ihren Figuren mit?

Uwe Kockisch war für mich eine Entdeckung. Er ist ein wunderbarer Schauspieler, großartig, den verehre ich sehr. Die Figur des Max macht für mich eine eigene Welt auf; da musste ich an "Million Dollar Baby" von Eastwood denken. Mit welcher Lebensweisheit und Wärme Uwe Kockisch diesen etwas unbeholfenen ehemaligen Boxer gibt mag ich sehr. Meine Lieblingsszenen sind allerdings, wie vorsichtig er mit Martha umgeht. Peter Lohmeyer schätze ich sehr als Schauspieler – fein, sensibel und immer wieder überraschend. Er ist mich ein ganz großer. Er hat die Episodenhauptrolle in meinem Tatort "Die Guten und die Bösen" gespielt, und ich habe mich sehr gefreut, dass er die Rolle des Viktor Skagen übernommen hat. Das war insofern eine Herausforderung, als dieser Vater ein durch und durch unsympathischer, narzisstischer Charakter ist, den man nicht mag. Aber Peter Lohmeyer lässt ab und zu aufblitzen, dass er etwas bereut, was er aber nicht in Worte fassen kann. Das finde ich spannend, wie er das gesetzt hat.

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