Gespräch mit Friederike Klose

Leiterin der Sozialtherapeutischen Anstalt Hamburg

Stets zu Diensten: Gefängnisinsasse Walter Thiel (Torsten Michaelils).
Besonders der Insasse Walter Thiel hat es auf Sonja abgesehen und nutzt ihre Naivität aus.  | Bild: NDR / Georges Pauly

Die Einrichtung ist eine Anstalt des geschlossenen Vollzuges mit mehr als 160 Haftplätzen. Sie ist vorrangig zuständig für männliche erwachsene Sexualstraftäter.

Warum werden Frauen als Vollzugsbeamtinnen im Männergefängnis eingesetzt?

Es wäre schlimm, wenn dort nur männliche Personen arbeiten würden, denn die Mischung zwischen weiblichen und männlichen Bediensteten ist auf jeden Fall wichtig. Frauen haben einen absolut positiven Einfluss, auch auf das Arbeitsklima. Das klingt zwar ein bisschen platt oder klischeehaft, aber nach meiner Erfahrung wirken Frauen beruhigend und deeskalierend und sorgen für ein gutes Miteinander. In der Berufsgruppe des Allgemeinen Justizvollzugsdienstes sind Frauen noch unterrepräsentiert und haben mitunter auch mit Vorurteilen ihrer männlichen Kollegen zu kämpfen, die nicht verstehen, warum Frauen sich ausgerechnet ein Gefängnis als Arbeitsplatz aussuchen. Dabei ist das nicht untypisch. Im Film wird ja auch erzählt, dass Sonja Brunner eine soziale Verantwortung für die Gefängnisinsassen verspürt und sie auf den rechten Weg bringen möchte. Da haben Frauen vielleicht einen größeren Antrieb als Männer.

Trotzdem scheint Sonja Brunner ein leichtes Opfer für die Insassen zu sein.

Diese Verführbarkeit, dass man sich abhängig macht und unerlaubte Dinge tut, ist kein typisch weibliches Phänomen. Für mich zeigt der Film sehr realistisch, wie jemand, der eigentlich mit gutem Engagement an eine Sache herangeht, durch widrige Umstände – in diesem Fall die schwierige Beziehung zur Stieftochter, die Probleme mit dem Mann, der Geldmangel – sich verführen lässt und sich so in eine Zwangslage manövriert. Das ist ziemlich gut erzählt. Ich habe auch männliche Kollegen mit langjähriger Erfahrung, für die ich meine Hand ins Feuer gelegt hätte, die sich auch haben verstricken lassen. Die Insassen wissen, wie man so etwas macht. Das zeigt der Film auch, wie Sonja Brunner angeködert wird mit einer Besorgung, die ganz harmlos ist, mit der sie auch dem Kollegen angeblich etwas Nettes tut und wie sie dadurch erpressbar wird. So etwas gibt es leider.

Kann man solche Entwicklungen im Gefängnis verhindern?

Man kann natürlich vorbeugen durch Schulungen, Aufklärung und durch ein vertrauensvolles Klima, in dem Mitarbeiter ihre Unsicherheit formulieren können. Gerade im Vollzug, gerade in der Männerwelt, läuft man schnell Gefahr, als schwach zu gelten und nicht klar zu kommen. In Fortbildungen kann man das bearbeiten. Und es ist immer ein Thema, wie man Nähe und professionelle Distanz vereinbart. Man verbringt viel Zeit mit den Menschen und nimmt sie auch nicht immer als Straftäter wahr. Darauf wollen wir die Insassen auch nicht reduzieren und dann kann so etwas wie im Film auch schon mal passieren.

Gibt es keine Probleme mit sexuellen Übergriffen bei Frauen?

Das passiert ganz selten. Im Zweifel verliebt sich ein Insasse. Wenn eine junge Frau anfängt, gucken die Insassen natürlich, testen sie aus und buhlen um Zeit und Aufmerksamkeit. Das sind aber Prozesse, die man gemeinsam im Blick haben muss, und man muss junge Mitarbeiterinnen stärken, sich zu distanzieren, ohne unfreundlich zu sein. Das gelingt der Beamtin im Film auch ganz gut.

Lässt Sonja Brunner beim Sexualverbrecher Robert Sturm zu viel Nähe zu?

Sicher wahrt die Sonja Brunner an manchen Stellen nicht die professionelle Distanz, wenn sie sich zum Beispiel zu ihm in den Haftraum setzt. Aber dass sie den Menschen ohne Ansehen seiner Tat als Mensch wahrnimmt und sich mit ihm befasst, das ist im Strafvollzug durchaus gewollt. Deshalb sollte man das Berufsbild der Bediensteten auch nicht auf das Aufpassen reduzieren. Das ist nur ein Aspekt. Die Beamten im Vollzug haben es besonders schwer, diese Nähe und Distanz zu regulieren oder hinzubekommen, weil sie auf der einen Seite diejenigen sind, die mit den Insassen die meiste Zeit verbringen, den alltäglichen Kontakt haben, aber gleichzeitig bei einer Haftraum-Revision in den privatesten Dinge herumwühlen müssen. Sie sind Ansprechperson im Alltag und müssen natürlich auch für Sicherheit und Ordnung sorgen. Da geht es nicht nur um Türen auf- und zuschließen.

Allerdings gibt es auch Menschen wie den Straftäter Michael Zeuner, der eine permanente Gefahr darstellt.

Ich glaube nicht an das personifizierte Böse, ohne jetzt den einzelnen Menschen aus der Verantwortung für sein eigenes Tun entlassen zu wollen. Aber jeder Mensch ist auch Produkt seiner Erfahrungen. Das ist genau unser Auftrag im Strafvollzug, jedem Menschen eine Chance zu geben, und die hat nach meiner Überzeugung auch jeder verdient. Trotzdem gibt es auch Einzelfälle, wo ich glaube, es wäre besser, wenn die Gesellschaft dauerhaft vor diesem Menschen geschützt wird. Aber wir würden im Justizvollzug nie jemanden vor vorne herein abstempeln. Allerdings muss ich sagen, dass ich die Stelle mit dem Michael Zeuner, als er in das Gefängnis verlegt wird, wo Sonja Brunner arbeitet, für unrealistisch halte. Wer Opfer einer so schwerwiegenden Straftat geworden ist, von dem würde nicht verlangt werden, in derselben Anstalt zu arbeiten, in der der Täter untergebracht ist.

Der Film thematisiert auch die fehlende Anerkennung und die schlechte Bezahlung im Strafvollzug.

Ich glaube, es ist nicht das Problem der Bezahlung, sondern eher der gesellschaftlichen Anerkennung. Polizei und Feuerwehr sind unsere Freunde und Helfer. Die halten für uns den Kopf hin. Justizvollzug hat immer etwas Schmuddeliges. Deshalb war ich auch etwas skeptisch, bevor ich mir den Film angeguckt habe, ob das so eine furchtbare Geschichte ist, wo die Bediensteten schon als halbe Gangster dargestellt werden, die selber mit einem Bein im Gefängnis stehen. Das ist aber in dem Film nicht so, auch wenn er nur einen besonders drastischen Teilaspekt der Realität erzählt. Die Bezahlung ist nicht so schlecht, aber die mangelnde Wertschätzung in der Gesellschaft und die vermeidliche Anrüchigkeit sind das Problem.

Wie können Korruption, Erpressung und das Entstehen von kriminellen Parallelgesellschaften im Strafvollzug verhindert werden?

Das ist ein Dauerthema. Das Gefängnis ist eine Institution, in der sich immer eine Subkultur bildet. Das hat es schon immer gegeben und wird es immer geben. Da sind Menschen mit entsprechender Erfahrung und Vorbelastung zusammen untergebracht. Da sitzen Drogenabhängige und Dealer ganz eng beieinander. Das ist auch bei mir in der therapeutischen Anstalt ein Problem. Man kann keine cleane Parallelgesellschaft kreieren. Das geht nicht, aber das kann man schwer nach außen kommunizieren, weil alle glauben, die Straftäter werden weggesperrt, das ist sicher, da passiert nichts. Natürlich kann auch im Gefängnis etwas passieren. Und wenn wir sie auf die Entlassung vorbereiten und sie resozialisieren wollen, kann man gar nicht so eine klinische Umgebung schaffen. Wir gucken, wir konfrontieren, wir versuchen die Leute abzubringen und aus diesen Strukturen zu lösen, aber das ist ein ewiger Kampf.

0 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.